Oberaudorf – Wer mag sie getragen haben? Opalblau und smaragdgrün schimmern die Glasperlen. Vor über 13 Jahrhunderten wurde die Halskette einem Verstorbenen ins Grab beigelegt. In den Reihengräbern in der Erlenau in Oberaudorf wurde sie gefunden. Jetzt lässt sich dieses wunderschöne Schmuckstück in der Sonderschau „2500 Jahre Kunst in Audorf“ zum 30-jährigen Bestehen des Historischen Vereins in der örtlichen Turnhalle bewundern. „Die Ausstellung wurde ganz im Sinne des Vereinszwecks konzipiert“, so Vorsitzender Norbert Schön in seinem Grußwort, „zeigt sie doch eindrucksvoll auf, dass Oberaudorf auch auf dem Gebiet der Kunst und des Kunsthandwerks eine äußerst lange Tradition hat“.
In sieben Einzelbereiche gliedert sich die Ausstellung: das Kunsthandwerk der Kelten, die Grabbeigaben der Oberaudorfer Reihengräber, Kunst/Kunsthandwerk auf der Auerburg, Audorfer Künstler im 17. bis 19. Jahrhundert, Maler entdecken Oberaudorf und Umgebung im 19. Jahrhundert für ihre Kunst, der Maler Paul Felgentreff und Oberaudorfer Künstler im 20. Jahrhundert.
Kunst- und Siedlungsgeschichte
Entlang der Kunstgeschichte des Ortes entwickelt sich auch dessen Siedlungsgeschichte, die von Anfang an kontinuierlich gewesen sei, wie Bürgermeister Hubert Wildgruber betont. Nachweisbar blickt Oberaudorf auf 3500 Jahre Besiedlung zurück „und die archäologischen Funde zeigen uns, dass die Audorfer schon damals großen Wert auf das Schöne gelegt haben“.
Dem kann sich Dr. Walter Irlinger nur anschließen: Er widmet sich in seinem Autorenbeitrag im umfangreichen Begleitkatalog dem Kunsthandwerk der Kelten mit Blick auf den Burgberg. Die dortigen archäologischen Funde dokumentierten eine Nutzung des Platzes zu unterschiedlichen Zeiten. Sie sind zwischen dem 7. Jahrhundert vor Christus und um Christi Geburt einzuordnen. Gefunden wurden zahlreiche Fibeln, die dem Verschluss von Stoffen dienten. Irlinger: „Die schnell wechselnden Formen zeigen, dass auch unsere Vorfahren mit der Mode gingen und Anregungen aus anderen Kulturkreisen gerne annahmen.“ Die exemplarisch ausgewählten Funde am Burgberg beeindrucken nicht nur durch ihre reichhaltigen Verzierungen, sondern verdeutlichten auch die weitreichenden Kontakte in den inneralpinen und oberitalienischen Raum, die sich durch die Lage an exponierter Stelle im Inntal, an seiner seit der Vorgeschichte bedeutenden transalpinen Wegeführung ergeben haben, so der Experte weiter.
Archäologische Ausgrabungen auf der Auerburg in den Jahren 1992 bis 1998 brachten eine Reihe ausgezeichneter Beispiele spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Kunst und kunsthandwerklicher Objekte zu Tage. Dabei handelt es sich, wie in der Ausstellung auch zu sehen, um Objekte aus Keramik, Eisen, Bronze, Muscheln, Schmuckstein, Glas und Bein. Norbert Schön: „Alle zeugen von einer hohen Fertigungskunst.“ Für eine derartige Ware sei man bereit gewesen, gutes Geld zu zahlen, seien sie doch auch ein Beweis für Stand und Bedeutung des Besitzers, fügt er hinzu.
Ausführlich behandelt Elisabeth Rechenauer in ihrem Beitrag das Werk der Audorfer Künstler vom 17. bis 19. Jahrhundert. Obwohl in dem landwirtschaftlich geprägten Ort wohl jede helfende Hand in Haus und Hof gebraucht worden sei, habe es doch eine Vielzahl von hervorragenden Künstlern und Kunsthandwerkern gegeben, betont sie.
Ein beliebtes Material, weil allerorts vorhanden, sei Holz gewesen. Rechenauer: „Rund um die Beschäftigung der Menschen mit Glauben und Religion gab es viele Aufträge zu erledigen, das fängt mit den Darstellungen auf Votivtafeln, in den Kreuzwegstationen wie zum Beispiel in der Oberaudorfer Pfarrkirche ‚Zu Unserer Lieben Frau‘ an und hört mit den unterschiedlichsten Kirchenmalereien auf.“ Eine Besonderheit stelle die hochwertige Ausstattung der im Ortsbereich von Oberaudorf angesiedelten Kapellen dar. An dieser Stelle sei auf die Kapelle von Schweinsteig verwiesen sowie auf die Kapelle in Windhag – ein außergewöhnlicher Rundbau, für den nur Peter Troger als Maler in Frage komme. Nicht zu vergessen die Porträts – diese Ölgemälde seien, so Rechenauer weiter, eben auch ein Statussymbol gewesen.
Die vollständige Aufzählung aller aus Oberaudorf stammender Künstler und Kunsthandwerker ist in der Audorfer Chronik von Josef Bernrieder enthalten, die Ausstellung beinhaltet beispielhaft eine Vertäfelung aus der Trogerstube, eine Kreuzwegstation von Sebastian Rechenauer der Ältere (1761-1835) und das Bild vom großen Brand in Oberaudorf, ebenfalls von Rechenauer dem Älteren.
Im 19. Jahrhundert wird Oberaudorf von den Malern entdeckt. Die Ebene vor dem Inntal bis hin zum weiten Talkessel bei Kufstein bot Malern aller Gattungen alle Möglichkeiten des modernen Sehens und Darstellens mittels Ölfarbe. Oberaudorf bot mit Burgtor, Schloßberg und Gasthaus Weber an der Wand unverwechselbare Motive für die aus München anreisenden Künstler. Interessiert war man vor allem an der unberührten Natur, weniger an der besiedelten Landschaft. Oftmals wurde eine „ideale Landschaft“ vom Maler komponiert, wie das ausgestellte Gemälde „Audorfer Alpe im bayerische Grenzland“ von Johann Nepomuk Ott zeigt.
Vor allem der Weber an der Wand hatte gerade magische Anziehungskraft für die Maler der damaligen Zeit. In den beiden erhaltenen Gästebüchern sind insgesamt Eintragungen von rund 250 bekannten Malern zu finden. Eine Sonderstellung unter den Künstlern, die sich in Oberaudorf aufgehalten haben, nimmt der Münchner Maler Paul Felgentreff ein. Seine Gemälde geben einen Eindruck von Oberaudorf, wie es damals ausgesehen hat.
Drei exemplarische Künstler
Joachim Berthold, Wally Wukowitz und Wolfgang Wright werden als Oberaudorfer Künstler im 20. Jahrhundert exemplarisch geführt. Berthold kam 1940 mit seiner Frau und Künstlerkollegin Gisela Berthold-Sames in den Ort. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ sich die gesamte Familie in Oberaudorf nieder. Beeindruckend ist sein umfangreiches Schaffen, seine Weltläufigkeit. Seine Arbeiten reichen von überlebensgroß bis hin zum kleinen Format, meist in Bronzeguss, seltener in Stein ausgeführt, daneben Zeichnungen. Er habe sich, so Elisabeth Rechenauer mit Blick auf seine sehr bekannte Bronzefigur „Diskos“, mit der Geschichte des Werdens und Vergehens befasst, dem ewigen Kreislauf des Lebens.
Wally Wukowitz ist vielen Einheimischen noch als „Blumenmalerin“ in Erinnerung. Auch sie hinterließ ein umfangreiches malerisches, zeichnerisches und druckgrafisches Werk, dem schon mehrmals eine Ausstellung im Ort gewidmet war. 1923 in Konstantinopel geboren, führte sie ihre Lebensreise über viele Stationen 1947 nach Oberaudorf. Wukowitz verstand sich, so Elisabeth Rechenauer weiter, vor allem als „Malerin von Gottes Natur“. 2012 starb die Künstlerin. Neben dem Pallotinerorden erhielten die Gemeinde Oberaudorf einen Großteil des künstlerischen Nachlasses.
Werke von Wolfgang Wright, der sich vor allem – aber nicht nur – durch Brunnenanlagen einen Namen gemacht hat, runden die Jubiläumsschau ab. Aber: Figürliches von Wright gibt es nicht nur im Großen, auch eine Reihe von Kleinplastiken gehören zu seinem Werk, ebenso Zeichnungen. Vielen ist etwa die Illustration über eine Pilgerreise dreier Oberaudorfer 1775 nach Rom im Gedächtnis. Kunst ist für ihn eine „Ausdrucksform, die Zerbrechlichkeit und den Schicksalsweg der menschlichen Existenz nachzubilden“.