Aschau – Sie sind unverzichtbar, um einen originären Klang zu erschaffen – so wie es zu früheren Zeiten einmal war. Gleichzeitig sind die alten Darmsaiten aber extrem tückisch. In Räumen mit starker Feuchtigkeit oder bei Schwankungen der Temperatur lässt sich die Stimmung kaum kontrollieren. Bis weit ins ausgehende 19. Jahrhundert hinein waren Darmsaiten bei Streichern der Standard. Danach wurden sie von den modernen Stahlsaiten ersetzt.
Die modernen Saiten sind widerstandsfähiger, aber auch lauter, härter und kraftvoller im Klang. Bei Festivo wurde der Gesamtzyklus der sechs frühen Streichquartette op. 18 von Ludwig van Beethoven auf Darmsaiten realisiert. Auch deswegen haben es Muriel Cantoreggi und Teemu Kupiainen (Violinen) sowie Festivo-Leiter Johannes Erkes und Floris Mijnders (Cello) geschafft, unerhörte Klanglichkeiten zu erschaffen – in Farbgebung und Schattierung.
Es sind völlig vergessene, verschüttete Klangwelten, die mit den Darmsaiten freigelegt und erschlossen werden können. Selbst ein bestens bekannter Quartett-Zyklus wie Opus 18 von Beethoven kann plötzlich wie neu erscheinen – ganz frisch und befreit. Genau dies ist das herausragende Ergebnis nach den zwei Festivo-Abenden mit allen sechs Quartetten im Preysingsaal von Schloss Hohenaschau.
Beethovens
Intention eingefangen
Denn statt einen trockenen, spröden, blutleeren „Originalklang“ zu kultivieren, haben die vier Musiker zugleich mit dem Klischee einer verkopften Dogmatik konsequent aufgeräumt. Dieser Originalklang glühte und brannte, um mit einer schärfenden Differenzierung die ursprünglichen Intentionen von Beethoven treffsicher einzufangen. Das bahnbrechende, kühne Neuerertum von Beethoven war in jedem Takt durchhörbar.
Ein besonderer Höhepunkt wurde dabei das Streichquartett Nr. 6 in B-Dur. Mit seinem programmatischen Titel „La Malinconia“ ist der Finalsatz eine für die damalige Zeit staunenswerte Reflexion einer depressiven Verstimmung. Bei Festivo wurde eine Seelenlandschaft hörbar. Schon die Adagio-Einleitung zu dem Satz wirkte erschütternd trist. Umso lebhafter das Allegretto, aber: Wiederholt bricht erneut die fahle Stimmung durch.
Was Beethoven hier verlebendigt, rein durch die Mittel der Musik, ist die schubweise Attacke einer trüben Verstimmung. Dieser Gehalt würde eigentlich besser zum Streichquartett Nr. 4 aus op. 18 in tragisch-düsterem c-Moll passen, aber: Hier irritiert Beethoven mit einer fast schon unbeschwerten Leichtigkeit. Auch hier hat das Festivo-Quartett die Stimmung perfekt eingefangen – mit viel Besinnlichkeit und luzidem Lyrismus. Umso schroffer wirkte das Menuett.
Denn die vier Musiker haben ein untrügliches Gespür für die feinen Zwischentöne und Stimmungsschwankungen. Das offenbarte sich vollends nach der Pause im Streichquartett Nr. 3 aus op. 18. Gelöst gibt sich das Werk, auch freundlich und zurückhaltend. Im letzten Satz entlädt sich das Temperament, bei Festivo ein atemberaubendes Feuerwerk allererster Güte. Wie zu hören ist, könnten die Streichquartette op. 18 der Auftakt zu einem Beethoven-Gesamtzyklus bei Festivo sein – gut so!