Aschau – Wer über John Cage die Nase rümpft, hat Heinrich Ignaz Franz Biber noch nicht gehört. Der skurrile Barock-Meister aus Salzburg hat Werke geschaffen, die den Avantgardisten aus Amerika um stolze 300 Jahre vorwegnimmt. Da ist etwa „La battalia“: Hinter dem Titel verbirgt sich eine Schlachtenmusik, die es an Radikalität in der Klangerfindung mühelos mit Cage aufnehmen kann.
So wird in der „Liederlichen Gesellschaft von allerley Humor“ eine illustre Musketier-Runde gezeichnet, die sich Mut für den Kampf ansäuft. Kühne Dissonanzen mit schrägen Glissandi beschreiben ein Saufgelage, das bald in rauschhaftem Delirium endet. An anderer Stelle werden Papierblätter zwischen die Streichersaiten gelegt – „präpariert“, wie Cage es nennen wird. Diese bizarre Schlachtenmusik war ein besonderer Höhepunkt beim Barockabend im Rahmen des Aschauer Festivo.
Es war das erste Mal, dass die jungen Nachwuchstalente der „Festivo Festival Strings“ in Barock-Repertoire geschult wurden. Dies haben Gordan Nikolic (Violine) sowie Festivo-Leiter Johannes Erkes (Viola) und Celine Flamen (Cello) übernommen. Wie gewohnt wurde „historisch informiert“ musiziert – auf Darmsaiten und mit dosiertem Vibrato, aber ohne strenges „Originalklang-Dogma“.
Von diesem freien, zwanglosen Profil profitierten auch die drei Solokonzerte, die in der Festhalle Hohenaschau gegeben wurden. Hier standen die drei Festivo-Profis im Fokus. So führte Erkes das „Bratschenkonzert“ von Georg Philipp Telemann an – das wohl erste Werk dieser Art überhaupt. In den zwei gemäßigten Sätzen hat es Erkes geschafft, eine vielfarbene Ruhe zu verströmen – weit und wunderbar luzid.
Im „Cellokonzert“ Nr. 7 von Luigi Boccherini war wiederum die Französin Flamen auf Klangsinnlichkeit aus. Dagegen betonte Nikolic im „Violinkonzert“ BWV1042 von Johann Sebastian Bach die Affekte. Bei allen Werken war eine Jungmusikerin der „Festivo Festival Strings“ die Mittlerin zwischen Solisten und Orchester: die Geigerin Susanne Schmidt. Sie hat bei Muriel Cantoreggi studiert und ist seit 2016 bei den Dortmunder Philharmonikern.
Auch im „Concerto Nr. 2“ aus „L’estro armonico“ op. 3 von Antonio Vivaldi war es eine schiere Freude, zu erleben, wie Susanne Schmidt gemeinsam mit Nikolic an vorderster Stelle agierte – überaus umsichtig, agil, hellhörig.
Und die kuriose Schlachtenmusik von Biber? Selbst das sogenannte „Bartók-Pizzicato“, bei dem die Saiten der Streicher auf das Griffbrett knallen, hat auch Biber schon gekannt – lange vor dem Namensgeber Béla Bartók. Gleiches gilt für das „col legno“, bei dem das Holz der Streicherbögen auf die Saiten geschlagen wird.
Am Ende zeigte die „Burlesque de Don Quixotte“, dass auch der noble, strenge Telemann alles andere als spießig war. Im finalen „Schlaf des Quixott“ wird eine Phrase ständig wiederholt – quasi minimalistisch. Bei Festivo gingen die Musiker unter dem Spiel von der Bühne, bis das Cembalo-Continuo übrig blieb. Eine solche „Performance“ in Cage-Manier hatte auch Joseph Haydn in seiner „Abschiedssinfonie“ erdacht. Nichts ist eben ganz neu. Alles wurde bereits erfunden oder gedacht. Das hat dieser tolle Festivo-Abend beispielhaft verdeutlicht.