Amerang – In zweierlei Hinsicht bot das Konzert des Fingerstyle-Gitarristen und You-Tube-Stars Luca Stricagnoli ein außergewöhnliches Debüt im Rahmen der Ameranger Schlosskonzerte. Ein Programm mit Hardcore- und Heavy-Metal-Stücken hatte es hier noch nie gegeben. Zum anderen war es das erste Gastspiel des Italieners in der Region. Vor dem Hintergrund des Renaissance-Arkadenhof hatte Luca Stricagnoli in seinem lässig urbanen Look mit Vollbart, zerschlissener Jeans und T-Shirt durchaus etwas Exotisches. Insgesamt sieben Akustikgitarren standen auf der Bühne, eine davon waagrecht auf einem Ständer montiert.
Mit einer sehr rhythmischen und atmosphärisch dichten Eigenkomposition eröffnete der junge Musiker das Konzert. „Nice to meet you“, begrüßte er das Publikum fröhlich und merkte an, dass sein Deutsch leider nicht so gut sei. Zwischen den anspruchsvollen Instrumentalstücken unterhielt er sein Publikum mit amüsanten Anekdoten. Härteste Fingerarbeit demonstrierte er, wenn er seine Gitarren zupfte, strich und auf ihnen trommelte, zeitweise sogar zwei Instrumente gleichzeitig bespielte.
Ohne Tape kein Konzert, erklärte er zu Beginn. Fingertaping kennt man, Stricagnoli aber verklebt einzelne Saiten der Gitarren, wodurch zeitlich versetzte Akkorde gelingen. Er demonstrierte dies am Beispiel von „Hold The Line“ von Toto. Der Song beginnt mit einem Pianointro, das Schlagzeug kommt dazu und schließlich die Gitarre. Stricagnoli ist ein findiger Tüftler, wenn es darum geht, das Instrumentarium einer ganzen Rockband auf der Akustikgitarre wiederzugeben.
Am Anfang stünde bei ihm generell die Überlegung „What if?“ – Was wäre, wenn? So lautet auch der Titel seines aktuellen Albums. Ein „geht nicht“ scheint es im Vokabular des Musikers nicht zu geben. Wenn Klebebänder und Klammern nicht reichen, wird eben die Klinge einer Schere zum verlängerten Hebel. Von einem italienischen Instrumentenbauer hat sich Stricagnoli eigens eine Gitarre mit drei Hälsen anfertigen lassen, die in Amerang natürlich auch zum Einsatz kam.
Was Luca Stricagnoli auf seinen Gitarren macht, lässt sich nicht erklären: Man muss es gesehen haben. Das erste Video, das der You-Tube-Star 2015 ins Netz stellte, zeigt seine Interpretation von „Thunderstruck“. Bei Stricagnoli wird das Heavy-Metal-Stück von AC/DC zum voluminösen Akustikerlebnis. Das Video zählt über zehn Millionen Aufrufe. Viele Besucher hatten auf diesen Moment hingefiebert. Grandios auch das atmosphärisch dichte Arrangement von „Sweet Child O‘ Mine“, dem Nummer-eins-Hit von Guns N‘ Roses.
Hörerlebnis und kuriose Leistungsschau schließlich das Instrumental „Misirlou“ aus dem Tarantino-Film „Pulp Fiction“. Hier zeigte der Gitarrist, dass ihm selbst mit den Füßen punktgenaue Akkorde gelingen. Für so viel Kreativität und Spielfreude gab es am Ende stehenden Beifall.