Gott hat keine Stiefkinder

von Redaktion

Vor 50 Jahren starb in Brannenburg der Dichter Bernt von Heiseler

Brannenburg – Zwei mit schwarzen Schabracken geschmückte Pferde zogen den Wagen, auf dem der Sarg mit dem toten Dichter von Haus Vorderleiten hinauf zum Friedhof von Sankt Margarethen geleitet wurde. Bernt von Heiseler war dem jungen Studenten schon damals ein fester Begriff, hatte doch der Schriftsteller wenige Jahre zuvor am humanistischen Gymnasium in Rosenheim in beeindruckender Weise aus seinen Werken gelesen.

Im idyllisch gelegenen Haus Vorderleiten wurde Bernt von Heiseler 1907 geboren, nun war er am 24. August 1969 unerwartet auch hier gestorben. In der Wahrnehmung des Literaturbetriebs stand er unverdient lange im Schatten seines Vaters, des Dichters Henry von Heiseler, der bereits 1928 verstorben war.

Die Toleranz eines weiten Herzens

Als evangelischer Christ konnte er keinesfalls einer Sinnlosigkeit, gar der Absurdität des Lebens das Wort reden. Er versuchte mit dem dichterischen Wort Trost zu spenden. Eine solche Haltung wurde seinerzeit von Theodor W. Adorno und Gefolge unwirsch attackiert. Doch diese Kritik greift bei von Heiseler zu kurz: „Das kommt natürlich gar nicht in Frage, dass man einen Trost festhält, nur weil es angenehm wäre“, lässt der Dichter eine Figur in seinem großem Roman „Versöhnung“ sagen. Und der Satz „Gott hat keine Stiefkinder, für ihn wohnt niemand ‚am Rande‘“ aus seinem Erinnerungsbuch „Haus Vorderleiten“ offenbart nicht nur das Gegenteil konfessioneller Enge, als vielmehr die Toleranz eines weiten Herzens.

Bernt von Heiseler hielt als junger Mensch idealistisch zu „Deutschland“; ohne Nationalist zu sein, war er durchaus national gesinnt, und so glaubte er zunächst an die Partei, welche die Zukunft des „Vaterlandes“ zu sichern schien. Spätestens nach der Reichspogromnacht gingen ihm die Augen auf, er erfuhr aus dem Munde von hohen Tieren der NSDAP entlarvende Ansichten.

Irrungen
und Wirrungen

Er bekannte selbst, dass er niemals diesem bitteren Irrtum verfallen wäre, hätte er noch seinen Vater als Ratgeber und Mentor zur Seite gehabt: „Denn der Vater, der aus dem großen Weltabenteuer Heimgekehrte, von dem ich Lehre und Rat in jeder Sache gläubig annahm, hätte mich auch in dieser heilsam beraten können. Und als die Sorge dringend wurde, lebte der Vater schon nicht mehr.“

In seinem Magnum Opus „Versöhnung“ thematisiert der Dichter diese Irrungen und Wirrungen am Beispiel seines Alter Ego Jakob, der politisch ahnungslos, aber voll hehrer Ideale der NSDAP beitritt. Bietet dieser Roman Trost?

Zuallererst ist er ein literarisches Kunstwerk, in dem in klarer, schnörkelloser, aber schwingender Sprache das Leben in vielfältigsten Facetten aufleuchtet. Schon der Beginn dieser „Familiensaga“ ist genial packend: Wir werden in einen turbulenten Mummenschanz hineingezogen. Die in „Grünschwaig“ versammelten Vettern und Cousinen spielen zum Pläsier der Verwandtschaft die Rüpelkomödie aus dem „Sommernachtstraum“. Das läuft temporeich und beschwingt dahin, und doch ist hier schon ein düsteres Motiv angeschlagen, denn „Pyramus und Thisbe“ scheitern ja am Leben, weil sie Tatsachen missverstehen, fehl interpretieren oder ignorieren.

Im fiktiven „Grünschwaig“ ist Haus Vorderleiten zu erkennen. Dennoch ist dieses Werk kein Schlüsselroman, auch keine simple Autobiografie. Aber von Heiseler stellt uns aus eigener Anschauung und persönlichem Erleben blutvolle Menschen vor Augen, deren Wohl und Wehe uns nahegeht.

Im Jargon des Marktes gilt Bernt von Heiseler heute als „vergessener“ Dichter; seine Essays, Theaterstücke, Erzählungen oder die biografischen Beiträge über Schiller, Stefan George, Grillparzer und Kleist sind nur mehr antiquarisch erhältlich.

Sein posthum erschienenes Erinnerungsbuch „Haus Vorderleiten“ sollte man sich unbedingt aufs Nachtkästchen legen, ein „regionales Produkt“ von überregionaler Bedeutung: „Was ist meine früheste Kindheitserinnerung? – Ich versuche sie in mir aufzurufen, und glaube das dunkle Laubgebirge des Buchenwaldes zu sehen, das sich hinter unserm Haus Vorderleiten aufbaut, am steigenden Hang, eine Schlucht, aus der ein Rinnsal kommt, mit seinen Stämmen und Wipfeln erfüllend.“

Affinität zum Spielerischen

Bernt von Heiseler hatte von jeher eine starke Affinität zum Bilderreichtum, zur Farbigkeit und Unergründlichkeit der Märchen. Auch das Spielerische ist ein Wesenselement seiner Dichtungen. Leblose, abstrakte Wahrheiten hat er nicht im Angebot. In dem Schelmenstück „Till Eulenspiegel und die Wahrheit“ fragt der honorige Ratsherr Gumpner verunsichert den Till: „Ist wirklich ein Narr im Besitz der Wahrheit?“ Da schüttelt Till den Kopf und lächelt: „Ein Narr kann die Wahrheit nur ehren im Spiel. Aber das Spiel muss ihm gegönnt sein.“

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