Jenseits harmonischer Grenzen

von Redaktion

Berauschende Klangerlebnisse bereitet das Traunsteiner Sommerkonzert mit dem Duo Weithaas-Avenhaus

Traunstein – Virtuose Frauenpower. Zwei Wörter, die beschreiben, was die Gäste des vierten der insgesamt sieben Traunsteiner Sommerkonzerte im Landratsamt erleben durften. Das Duo Weithaas-Avenhaus geizte in keinem Moment mit all den guten Zutaten, die ein niveauvolles klassisches Konzert zum unvergesslichen Klangerlebnis machen: Hochkonzentriert strebten die beiden international gefragten Musikerinnen Silke Avenhaus (Klavier) und Antje Weithaas (Violine) nach Perfektion.

Auf dem Programm standen Werke von Mendelssohn-Bartholdy, Johannes Brahms, Eugène Ysaÿe und Maurice Ravel. Ein echter Knüller kam gleich zu Beginn: Felix Mendelssohn-Bartholdys Violinsonate in F-Dur für Violine und Klavier. Mehr als 100 Jahre nach seinem Tod im Jahr 1953 staunte die Musikwelt Bauklötze: Eine Violinsonate des reifen Mendelssohn erschien in einem New Yorker Verlag. Herausgeber des in Vergessenheit geratenen Manuskripts war Yehudi Menuhin, der dem Werk den „eigenen Stempel“ einer sehr freien Bearbeitung verpasste. Das Duo Weithaas-Avenhaus aber widmete sich der erheblich davon abweichenden Originalgestalt und brachte das Traunsteiner Publikum damit zum Schwärmen. Die Frische, soghafte Intensität kam einer Huldigung an den großen Komponisten gleich. Mit eben solcher Wucht brachten beide im Anschluss Johannes Brahms Scherzo WoO 2 c-Moll, aus der F.A.E.-Sonate zum Klingen – ein drängender c-Moll-Satz, den die Violine mit repetierten Triolen auf der G-Saite stürmisch eröffnet. Einen selten gehörten Ohrenschmaus hielt Antje Weithaas mit der Sonate für Violine solo G-Dur, op. 27 Nr.5 „L’aurore“ von Eugène Ysaÿe bereit. In „L’aurore“, übersetzt „Die Morgendämmerung“, greift Ysaÿe auf viele Stilmittel zurück, die für die Musik des beginnenden 20. Jahrhunderts typisch waren: Klänge jenseits harmonischer Grenzen und Töne, die zwar expressiv, aber auch zart und verletzlich sind – gespickt mit einer virtuosen Spieltechnik, die Antje Weithaas aufs Genialste beherrschte.

Transparenz durch Mehrstimmigkeit

Den Konzertabend krönte die Interpretation der Sonate für Violine und Klavier von Maurice Ravel aus dem Jahr Ravels 1927. Im Bestreben, kompositionstechnisch neue Wege zu gehen und seinen Ausdruck zu erweitern, verzichtete Ravel auf das Klanglich-Gefällige und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Kargheit bestimmt die Behandlung des Klaviers im ersten Satz: Nicht vollgriffige Akkorde, sondern Transparenz durch Zwei- und Dreistimmigkeit. So auch im Zusammenklang mit der Geige – alles ist leicht und luftig. Im Zweiten Satz greift Ravel eine Blues-Floskel auf, die für den Satz bestimmend bleibt, sich zu einer Jazzmelodie entwickelt und gespannt aufhorchen lässt. Die Violine spielt zunächst nur pizzicato, dann folgt eine typisch Ravelsche Melodie-Linie, die den Rhythmus der Jazzbegleitung ein wenig durcheinanderbringt. Nach stürmischem Applaus gaben die Virtuosinnen den ersten und vierten Satz von Dvoraks Sonatine als Zuckerl obendrauf.Kirsten Benekam

Artikel 11 von 11