Rosenheim – Hans Müller-Schnuttenbach muss ein eigenartiger Mensch gewesen sein: Eigenbrötlerisch und verschroben, zurückgezogen und einsam, wohl depressiv und nur für sein Malen lebend, ein Künstler, der keine Familie und kaum Freunde hatte, seine kleinformatigen Bilder „meine Kinder“ nannte. Der Maler Rainer Dillen hat das in einem Bild wenig schmeichelhaft – und wohl sehr treffend – dargestellt. Das späte Porträt wurde 1973, wenige Monate vor dem Tod Müller-Schnuttenbachs, erstmals ausgestellt. Es zeigt eine dürre Gestalt mit Hut und Mantel, seine Bildermappe mit dünnen Fingern umklammernd, mit skeptischem Blick durch kleine Brillengläser.
Dieses Bild begrüßt die Besucher der Städtischen Galerie, die sich mit der Ausstellung „Alles Schnuttenbach! Des Künstlers erste Wahl“ einem der bekanntesten regionalen Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widmet.
Ein ungewöhnlicher Vertrag
Dass der Maler überhaupt Rosenheimer wurde, ist einem Zufall und einem recht ungewöhnlichen Vertrag zu verdanken. Hans Müller (1889 bis 1973), der sich nach dem Geburtsort seiner Mutter bei Günzburg zusätzlich Schnuttenbach nannte, studierte Malerei an der Münchner Kunstgewerbeschule. Seine Arbeiten stehen in der Tradition der „Münchner Schule“, doch er entwickelte bereits früh seinen eigenen Stil.
Im Zentrum seiner zumeist grafisch angelegten Arbeiten steht die Landschaft. Sie ist auch seine erste Verbindung mit dem Rosenheimer Land, denn hier, gerne auch am Samerberg, fand er seine Motive. Obwohl Mitglied der Chiemgauer Künstlergruppe „Die Frauenwörther“ ist Müller-Schnuttenbach kein „Chiemseemaler“, den See malte er kaum. Menschenleer sind seine Landschaften im Wechsel der Jahreszeiten, gerne im Winter, dem er in etlichen Bildern, zumeist mit kahlen Bäumen in verschneiter Landschaft, ein künstlerisches Denkmal setzte.
Seine „Landschaftsstillleben“ scheinen ebenso unverkünstelt wie zeitlos. So ist es wohl auch zu erklären, dass Müller-Schnuttenbach während des Nationalsozialismus bei der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ im Haus der deutschen Kunst in München einer der Künstler mit den meisten ausgestellen Werken war, obwohl der Verkaufserfolg zu wünschen übrig ließ. Explizit nationalsozialistische Motive finden sich in seinen Werken nicht, auch wenn seine Landschaftsbilder in die vorherrschende Blut- und Boden-Ideologie zu passen schienen. Doch Müller-Schnuttenbachs malerisches Interesse veränderte sich auch während des NS-Regimes nicht. Seine Werke zeigen eine unberührte Natur und eine vermeintlich heile Welt.
Ganz besonders deutlich wird dies bei den Bildern, die während einer Malreise nach Galizien entstanden sind. Die Motive sind menschleere dörfliche Idyllen wie aus einer vorindustriellen Zeit. Eingeladen war Müller-Schnuttenbach von der Verwaltung des Generalgouvernements, das große Teile des von Deutschland besetzen Polens umfasste. Die gemalte Idylle wirkt beklemmend, wenn man bedenkt, dass zur selben Zeit dort das NS-Regime dort Massenmorde an Juden und Polen durchführte.
Ausgebombt aus seiner Münchner Wohnung fand Schnuttenbach nach dem Krieg in der Dachkammer eines Bekannten in Willing bei Bad Aibling Unterschlupf. Über einen Freund, Dr. Hans Faußner, Mitglied des Rosenheimer Stadtrats, kam ein höchst ungewöhnlicher Leibrentenvertrag zwischen ihm und der Stadt Rosenheim zu stande.
Darin garantierte die Stadt dem Maler Unterkunft, medizinische Versorgung, Verpflegung und die samstäglichen Dienste einer „Haushaltszugeherin“ auf Lebenszeit.
Im Gegenzug übereignete der Maler der Stadt 400 seiner Werke. 62 davon wurden für Ausstellungszwecke unmittelbar an die Städtische Galerie übergeben. Diese Bilder sind nun als „Des Künstlers erste Wahl“ zu sehen. Kurator Karl J. Aß, Kreisheimatpfleger des Landkreises Rosenheim, hat die Auswahl durch weitere Arbeiten ergänzt, die einen Einblick in das Schaffen des Künstlers von seiner Ausbildung bis in die letzten Lebensjahre geben.
Was aber die Stadträte seinerzeit dazu bewogen hat, diesem Vertrag zuzustimmen, ist nicht überliefert. Kolportiert wird, so Aß, dass die Stadträte bei einem 60-jährigen, kranken Künstler davon ausgingen, den Vertrag nicht allzulange erfüllen zu müssen. Tatsächlich wurden es dann 23 Jahre. Nach seinem Tod gingen alle weiteren in seinem Besitz befindlichen Bilder ebenfalls an die Stadt – insgesamt über 1300 Bilder, Skizzen und grafische Darstellungen – teils nur in Postkartengröße: Müller-Schnuttenbachs „Kinder“ eben.
Ein Künstler
auf der Suche
Diese „erste Auswahl“ ist eine ungewöhnliche Zusammenstellung. „In dem Grundbestand finden sich Bilder, die wir nie Hans Müller-Schnuttenbach zuordnen würden“, so Aß. So etwa das Ölbild „Bäume im Getreidefeld“ von 1925, das von einem franzöischen Impressionisten stammen könnte.
Die Auswahl zeigt einen Künstler, der seinen Weg sucht. Eigentlich Zeichner und Grafiker, wie frühe Bleistiftzeichnungen eindrucksvoll belegen, fühlte er sich wohl zu Höherem in Form der Ölmalerei berufen. Seine so eindrucksvollen wie stimmigen Landschaftsbilder entstanden allerdings vor allem als Tempera-Arbeiten und in Mischtechnik. Entlang dieser Werke nähert sich die Schau dem Gesamtwerk des Künstlers sowie seiner Bedeutung für die Kunstregion Rosenheim.