Rosenheim – Alle auf der Bühne langweilen sich. Sie trinken Tee, klimpern am Klavier, reden mit- und vor allem aneinander vorbei. „Drei Schwestern“ spielen um die Jahrhundertwende in der russischen Provinz, doch das Ensemble des Tam-Ost zeigt unter der Regie von Stefan Vincent Schmidt das Stück von Anton Tschechow als Bild einer sinnentleerten Existenz.
Dramaturgische Herausforderung
„Die drei Schwestern“ sind für jeden Regisseur eine Herausforderung, gibt es doch weder eine klassische Hauptfigur noch eine dramatische Handlung. Das Stück hat auch nicht drei Hauptrollen, sondern zehn bestimmende Figuren. Schmidt ist das große Kunststück gelungen, alle Rollen typgenau zu besetzen. Das Ensemble schafft es in einer bemerkenswerten schauspielerischen Leistung, keine bloßen Karikaturen abzuliefern, sondern Menschen darzustellen, an deren Schicksal das Publikum echten Anteil nimmt.
Die drei Schwestern, das sind auch drei Lebensentwürfe: Da ist Olga (Sabine Herrberg), die Älteste, überfordert vom Leben und von ihrem Lehrerinnen-Job, geprägt von der Angst, als alte Jungfer zu enden. Gleich zu Anfang steht Sabine Herrberg lange Sekunden mit zitterndem Kinn wortlos auf der Bühne, wie als vorweggenommene Zusammenfassung ihrer Rolle. Ihre Schwester Mascha (Mirjam Bertagnolli mit subtiler Darstellung überzeugend) ist unglücklich verheiratet. Sie verachtet ihren Mann, den Lateinlehrer Kulygin, den Martin Schönacher als penetrant gut gelaunte Nervensäge spielt. Die jüngste Schwester Irina (Elena Schmid) träumt von der großen Liebe und einer Arbeit, die sie sinnvoll erfüllt. Schmid tänzelt zunächst mädchenhaft-barfuß im Kleidchen, wird letztendlich aber glaubhaft von Verzweiflung überwältigt.
Sie alle wollen nur weg aus der Garnisonsstadt. Sie sind gebildet, sind talentiert – und gleichzeitig wie gelähmt, unfähig, in der Gegenwart zu leben. Statt zu handeln bleibt man lieber unglücklich, philosophiert über die ferne Zukunft und schwärmt von Moskau. Moskau!Die Hauptstadt wird zum Sehnsuchtsort, der für ein glückliches Leben steht.
Sehnsuchtsort Moskau
Ihre Fahrkarte dorthin soll ihr Bruder Andrej (Stefan Hanus) sein, der eine Professur anstrebt. Doch dazu müsste er aus seiner Lethargie erwachen. Andrej endet als Beamter der Landverwaltung: „Unkündbar. Und darauf bin ich stolz“, verkündet er. Hanus spielt ihn als sensiblen, behäbigen Bär, überfordert von den eigenen und an ihn herangetragenen Erwartungen.
Nicht viel besser sind die Offiziere der Garnison, die bei den Schwestern ein- und ausgehen. Da ist Leutnant Tusenbach (Oliver Schmid, schön changierend zwischen gelangweilt und idealistisch), der Irina den Hof macht. In sie verliebt ist auch Hauptmann Soljony. Doch seine Unsicherheit droht ständig, in Aggression umzuschlagen. Alexander Schoenhoff gibt ihm psychopathische Züge. Vor Energie sprühend, wie eingesperrt in seinem Körper, scheint er immer kurz vor dem Ausbruch zu stehen. Armeearzt Tschebutykin (Heinz W. Warnemann) hat jede Ambition aufgegeben, lässt schicksalsergeben die Zeit verrinnen und kämpft mit dem Suff. Ergreifend spielt Warnemann eine Szene, in der er am Boden kriechend den Wodka aufwischt.
Kommandeur Werschinin (Klaus Schöberl vielschichtig und nuanciert) flüchtet sich aus der Ehe mit seiner labilen Frau ins Philosophieren und in eine Affäre mit Mascha. Die, zunächst erfüllt von Trauer und Langweile, lebt nur in ihrer letztendlich zum Scheitern verurteilten Liebe zu Werschinin auf. Klaus Paschke tappt als mitleiderregend greiser Bürobote Ferapont durch das Stück.
Bemerkenswert die Leistung von Eva Maria Kapser: Sie übernahm kurzfristig die Rolle von Andrejs Verlobter Natascha für die erkrankte Jutta Schmidt. Die Profi-Schauspielerin stöckelte auf hohen Absätzen in Mini-Kleidchen über die Bühne und wandelte sich vom naiven Mädchen in eine furienhafte Übermutter, die die Herrschaft im Haushalt an sich reißt.
Alle diese Figuren verstricken sich in ihren Gefühlen und gescheiterten Träumen. Sie treiben nicht die Handlung voran, sondern erleiden sie allenfalls. „Wie die Zeit wegtickt“, sagt Andrej einmal. Am Ende hat sich für niemanden die Hoffnung auf Glück erfüllt – bis auf die treue, in ihrer Naivität berührende Dienerin Anfissa (Silvia Hofmann): Sie bekommt mit über 90 Jahren endlich ein eigenes Zimmer.
Tschechows Geschichte wird zum Sinnbild des Daseins, in dem der Mensch sein Schicksal nicht selbst in der Hand hat. Im Lauf des Stückes wird die Bühne zunehmend zugebaut, was den Eindruck der immer geringeren Handlungsspielräume und letztendlichenAuswegslosigkeit noch verstärkt (Bühnenbild Stefan Vincent Schmidt).
Ein forderndes, intensives Stück für die Schauspieler, aber auch für die Zuschauer. Knapp drei Stunden ergreifende Spielzeit waren es am Ende. Doch wie sagte Marcel Reich-Ranicki: „Eigentlich langweilen sich bei Tschechow alle – nur nicht das Publikum.“