Erl – Nachdem Gustav Kuhn, Gründer und langjähriger künstlerischer Leiter der Tiroler Festspiele Erl, nach vielfachen Anschuldigungen wegen autoritären Verhaltens und sexueller Übergriffigkeit zurückgetreten ist, hat Bernd Loebe, derzeit noch Intendant der Oper Frankfurt, die Leitung der Festspiele übernommen. Die „Erntedank-Konzerte“ vom 4. bis 6. Oktober sind die ersten von ihm verantworteten Konzerte. Auch sie setzen auf die bewährte Mischung von jungen Solisten, überraschenden Programmen und der Klasse des Orchesters der Festspiele.
Start ist am Freitag, 4. Oktober, um 19 Uhr mit Werken russischer und finnischer Komponisten: „Der verzauberte See – Märchenbild für Orchester op. 62“ des Anatoli Konstantinowitsch Ljadow vermittelt poetische Melancholie und führt in Fantasiewelten. Das Violinkonzert d-Moll von Jean Sibelius gilt als glückliche Synthese von solistischer Virtuosität und fabelhafter Instrumentation. Solist ist der 25-jährige Timothy Chooi, Preisträger des 10. Joseph-Joachim-Violinwettbewerbs 2018. Vervollständigt wird dieser Abend durch Sibelius‘ 1. Symphonie. Dirigent ist Valentin Uryupin, Gewinner des 5. internationalen Dirigierwettbewerbs Sir Georg Solti 2017.
„Binge-Watching“, also das Anschauen vieler Folgen einer Serie an einem Abend, und „Crashkurs“, also ein Kurs, der in kürzester Zeit die wichtigsten Aspekte eines Themas lehrt, sind heute übliche Lern- und Konsumverhalten der Jugend. Der Abend mit dem Titel „Chopin von Polen in die Pariser Salons“ am Samstag, 5. Oktober, möchte diese beiden Verhalten für die klassische Musik übernehmen: gewissermaßen ein Binge-Chopin-Listening. Vier Pianisten spielen an einem Tag vier Konzerte mit Werken von Frédéric Chopin: Um 14.30 spielt Mariusz Kłubczuk Polonaisen, Mazurkas und Etudes, Mariam Batsashvili präsentiert die sechs polnischen Lieder, die Franz Liszt für Klavier arrangiert hat, dazu zwei Polonaisen. Mélodie Zhao, Erler Publikumsliebling, widmet sich um 17.45 Uhr Chopins Balladen, Sonaten und Scherzi, während Claire Huangci am Abend um 20.30 Uhr mit den 24 Préludes und drei Nocturnes in die Nacht führt.
Die 24 Preludes op. 28 sind eine klare Anlehnung an „Das Wohltemperierte Klavier“ von Bach. Wie bei Bach steht auch bei Chopin jedes der Stücke in einer der 24 Dur- und Molltonarten, wenn auch die Reihenfolge eine andere ist.
In der Orchester-Matinee am Sonntag, 6. Oktober, um 11 Uhr begegnen Ausschnitte aus Richard Strauss‘ später Oper „Capriccio“ den Orchesterliedern seines Zeitgenossen Joseph Marx, der in seinem umfangreichen Oeuvre den Bogen von der Spätromantik zum Impressionismus schlägt. In Arnold Schönbergs 1902 entstandener Sinfonischer Dichtung „Pelleas und Melisande“ verbindet sich dessen postromantische Affinität zur Programmmusik mit einer Gattung, die wesentlich von Richard Strauss geprägt wurde. Es dirigiert der Strauss- und Schönberg-erfahrene Lothar Koenigs, regelmäßiger Gast an Opernhäusern wie den Staatsopern von München und Wien, der Mailänder Scala oder der New Yorker Metropolitan Opera. Solistin des Abends ist die Münchner Sopranistin Anna Gabler. rwj