Wenn Hunde sich Briefe schreiben

von Redaktion

Gogols „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ in der Theaterinsel Rosenheim

Rosenheim – Der kleine Beamte – aber immerhin ein „Titularrat“ – Proprischtschin fühlt sich unterdrückt, übersehen und gemobbt. Vergebens liebt er des Direktors Töchterlein. Er hat Fantasien von Liebe und Macht, die mit der Realität in Widerspruch stehen. Allmählich wird er wahnsinnig: Er glaubt, Hunde sprechen zu hören, liest Briefe, die diese sich schreiben, glaubt, der spanische König zu sein. Berühmt ist die Novelle „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ von Nikolaj Gogol, die dies alles schildert. Toni Müller hat diese Novelle in der Rosenheimer Theaterinsel als Einpersonenstück auf die Bühne gebracht: eine schauspielerische Herausforderung für Lucas Kronast-Reichert und harte Hör- und Sehkost für die Premieren-Zuschauer, die diese Inszenierung nach knapp zwei Stunden bejubeln.

Kürzungen im ersten Teil samt Verzicht auf eine Pause hätten diese Inszenierung noch stringenter, zielstrebiger und dramaturgisch konziser werden lassen. Denn insgesamt ist das Konzept von Toni Müller schlüssig: Er greift die Erzählperspektive der Novelle auf, in der der Protagonist gleichzeitig der Erzähler ist. Luca Kronast-Reichert sitzt, ganz in unschuldiges Weiß gekleidet, schon in der Irrenanstalt (so hieß das im 19. Jahrhundert), liest sein von ihm selbst verfasstes Tagebuch, schreibt die einzelnen Tage mit Kreide auf den Tisch, auf den Boden und in die Luft und lebt alles, was er liest, mit und vor. Er liest, läuft, rennt und springt herum, trommelt auf den Tisch, setzt sich mit dem Stuhl auf den Tisch oder versteckt sich unter dem Stuhl. Dabei bleibt sein Gesicht jugendlich-unschuldig, bleiben seine Augen oft staunend aufgerissen, so dass man mit ihm meinen könnte, er sei normal und die Umwelt verrückt. Erst ganz am Ende verfällt er ins Schreien und Wälzen am Boden.

Lucas Kronast-Reichert bleibt bis zum Schluss hochkonzentriert und fokussiert und geradezu bannend: eine wahnsinnige schauspielerische Leistung. Die noch gesteigert wird durch die genaue Artikulation, die immer lebendige Phrasierung, die nie etwas Papierenes hat, und durch die eindringliche Deklamationskunst: Solche Schauspielkunst ist in Rosenheim ganz selten. Man merkt Toni Müllers Lust an der Sprache, an der Formung und Musikalisierung der Sprache.

Proprischtschins Fantasien werden ganz modern durch Videoeinspielungen visualisiert. Aber auch diese – durchaus gut gemachten – Videos waren insgesamt etwas langgezogen und verzögerten den dramatischen Fluss: Verführerische großbusige Mädchen, pompöse Kreml-Auftritte des russischen Präsidenten Putin, Großstadtszenen mit Wolkenkratzern, sexuelle, vor allem aber Großmacht-Fantasien und Bedrohung durch die urban-hypertrophe Welt.

Alles in allem: Man kann sich weiden an großer Schauspielkunst, man kann sich erfreuen an einem schlüssigen dramatischen Konzept und man hat ein großes Werk der Weltliteratur kennengelernt. Gut, man könnte diese Novelle auch selber lesen, Aber es macht ja doch keiner.

Spieltermine

Weitere Vorstellungen sind am Freitag, 27. September, an den darauffolgenden Wochenenden jeweils von Freitag bis Sonntag bis zum 12. Oktober in der Theaterinsel Rosenheim, Chiemseestraße 8, jeweils um 20 Uhr, am Sonntag um 17 Uhr. Karten können unter www.theaterinsel.de oder unter Telefon 08031/ 9008203 reserviert werden.

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