Kunst aus dem Kugelschreiber

von Redaktion

Bilderinstallation von Herbert Hinteregger beim Rosenheimer Kunstverein zu sehen

Rosenheim – Schon mit dem Betreten des Raums werden in der Ausstellung „Inn / Sand / Untitled“ im Rosenheimer Kunstverein die üblichen Kunst-Sehgewohnheiten auf den Kopf gestellt. Auf im Zickzack angeordneten Tapeziertischen hat der Tiroler Künstler Herbert Hinteregger seine Bilder gelegt statt sie wie üblich an die Wand zu hängen.

Was auf den ersten Blick wie ein aufmerksamkeitsheischender Gag wirkt, entpuppt sich als raffinierter Schachzug. Ein liegendes Gemälde verleitet zu einem ganz anderen Hinschauen. Der Besucher tritt nahe heran, beugt sich über die Werke, umkreist sie aus verschiedenen Winkeln betrachtend. Das von oben eintretende Licht reflektiert anders als würden die Bilder sich an einer Wand befinden. Und die akribisch platzierten und akkurat ausgerichteten Bilder scheinen Bezug auf die in unmittelbarer Nähe befindlichen Werke zu nehmen, ohne dass sich eine schnelle Erklärung aufdrängt. So wirkt die eigens für Rosenheim erarbeitete Präsentation eher wie eine Installation als wie eine Ausstellung.

Linien, die über die Bilder hinausweisen

Die Bilder in den unterschiedlichsten Formaten auf Leinwand, Kunststoffplatten und anderen Bildträgermaterialien zeigen parallele Linien und Blöcke, vorwiegend in Blau und Schwarz, manchmal lasierend Übermalt. Für einige Werke hat Hinteregger Sand aus dem Inn in Linienform aufgebracht, was den Flussnamen im Ausstellungstitel erklärt – und eine Verbindung schafft zwischen dem Entstehungsort der Bilder und dem Ausstellungsort, liegen Kirchdorf und Rosenheim doch beide am Inn. Und wie einem Bilderfluss nähert sich auch der Zuschauer den Werken.

„Es sind Linien, die über die Bilder hinausweisen“, sagte der Kurator der Ausstellung, Axel Jablonski, über die Arbeiten. Die Linien lassen sich gedanklich über den Bildrand hinaus in den Raum hinein denken. Dazu passt auch, dass Hinteregger auf den Tischplatten an einigen Stellen Linien aus Klebeband angebracht hat.

Dazwischen befinden sich einzelne Seiten und Fotografien aus Zeitschriften, jeweils zum Teil mit schmalen und breiten parallelen Farbstreifen übermalt und unter Glasscheiben drapiert. Nicht die Linien sind also wichtig, sondern das, was sie nicht verdecken. „Das, was nicht ist, wird bedeutsam“, so formulierte es Jablonski.

Zähflüssige Kugelschreiberfarbe

So ungewöhnlich wie die Präsentation ist auch das Material, das der in Kirchberg und Wien lebende Künstler verwendet: Tinte aus handelsüblichen Kugelschreibern der Marke Bic. Die zähflüssige Kugelschreiberfüllung hat einen bemerkenswerten Effekt. Die Farbe wirkt wie gedruckt, obwohl sie mit dem Pinsel aufgebracht ist. Die ineinanderfließende Masse deckt Pinselstriche und Unebenheiten einfach zu. So ergibt sich eine tiefgründige, äußerst satte Farbwirkung. Da Hinteregger gerade die Bic-Farben wegen ihrer Eigenschaften schätzt und sie nicht anders beziehen kann, leert er in einem aufwendigen Verfahren Tausende von Kugelschreibern, um an sein Farbmaterial zu kommen.

In die Rosenheimer Ausstellung ist auch die Fensterfront miteinbezogen, die eine Stirnseite des Ausstellungsraumes komplett einnimmt. Die Fenster sind mit rund 7000 ausgeleerten Bic-Kugelschreibern beklebt, angebracht mit transparentem Klebeband. Eine bewundernswerte, tagelange Geduldsarbeit, die die Kunstvereinsvorsitzende Elisabeth Mehrl mit ihrem Helferteam da auf sich genommen hat. Es ist ein Aufwand, der sich gelohnt hat: Die Kugelschreiber glitzern im Tageslicht, zeigen wie blaubekappte Pfeile in aller Richtungen – und verweisen indirekt auf die ausgestellten Arbeiten, haben die leeren Plastikröhrchen doch das Arbeitsmaterial für die präsentierte Kunst geliefert.

Herbert Hinteregger, Jahrgang 1970, hat an der Akademie der Bildenden Künste in Wien studiert und mehrfach Preise und internationale Stipendien erhalten. Heuer hatte er beispielsweise das Stipendium Cité International des Paris (2019) erhalten..

Bis 27. Oktober

Die Ausstellung in der Klepperstraße 19 ist bis 27. Oktober zu sehen. Geöffnet ist sie Donnerstag, Freitag und Samstag von 14 bis 17.30 Uhr sowie am Sonntag von 11 bis 17.30 Uhr. Im Rahmen der Ausstellung findet am Sonntag, 20. Oktober, um 11 Uhr eine Lesung mit dem österreichischen Schriftsteller und Lyriker Christoph W. Bauer statt.

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