Riedering/Aschau – Am 9. Oktober wird er 85 Jahre alt, der südafrikanische Jazz-Pianist und -komponist Abdullah Ibrahim, der zu Zeiten der Apartheid in Europa und den USA eine neue Heimat fand. Bis heute ist er auf allen Kontinenten unterwegs. In Aschau wohnt er, wenn er in Deutschland weilt, Kapstadt nennt er ebenfalls sein Zuhause. In einem Armenviertel von Kapstadt aufgewachsen, war ihm eine Karriere als Jazzmusiker nicht in die Wiege gelegt, und dennoch schaffte er es, angefangen als Begleiter von Miriam Makeba, dann als Bandleader der südafrikanischen Jazzband Jazz Epistels und später in Europa und den USA – auch dank seines Mentors Duke Ellington – zu höchsten Weihen der Jazzmusik. Er tritt auf internationalen Festivals auf, spielte bei der Amtseinführung Nelson Mandelas und wurde weltweit mit vielen Preisen ausgezeichnet. Anlässlich seines 85. Geburtstages beschenkt sich der Jubilar mit einem Konzert beim Hirzinger in Söllhuben. Anlass genug, den Ausnahmestar zu interviewen.
Herr Ibrahim, Sie sind auf allen Kontinenten unterwegs. Haben Sie dennoch einen Ort, den Sie Heimat nennen?
Südafrika ist meine erste Heimat, aber für mich ist Heimat, da, wo Liebe und Verständnis herrschen und wo man sich gegenseitig respektiert. Dass ich nach Aschau gekommen bin, habe ich Marina Umari zu verdanken, einer Ärztin, die ich vor über 20 Jahren in Südafrika kennenlernte. Sehen Sie, ich reise immer noch gerne. Es gibt so viele Unterschiede, aber der Herzschlag der Menschen ist überall gleich. Kategorien wie Religion, Rasse, Alter interessieren mich nicht. Mit Musik haben wir die Möglichkeit, Orte zu erreichen, für die man sonst gar nicht die Zeit hat,sie zu besuchen.
Ihre Musik wurde einmal als „Malerei von Landschaften“ umschrieben. Sie seien ein Zauberer der Wiederholung, Ihre Musik strahle Weite und Ruhe aus.
Ich bin jeden Tag mit Musik gesegnet. Musik gibt Kraft, regt an und öffnet den Geist. Und ich bin dankbar für diese Gabe. Ich strebe danach, sie zu perfektionieren und den Leuten darzubieten. Ich will mein Publikum begeistern und glücklich machen.
Spielen Sie denn auch Bach?
Natürlich kann ich Bach und all die vielen anderen „alten“ Komponisten spielen, und dennoch ist Klassik nicht mein natürlicher Rhythmus. Ich will nicht nachspielen, es besteht auch keine Notwendigkeit zur Wiederholung. Ich will improvisieren, ohne das Ziel zu kennen. Das macht uns als Jazzmusiker so frei. Wir haben einen Song, wir haben den Rhythmus, die Harmonie, die Tonlage – und dann fangen wir an, damit zu spielen.
Was ist für Sie Komponieren?
Komponieren ist für mich Zusammensetzen, da sehe ich mich in der Tradition eines Geschichtenerzählers. Ich setze Musik in Szenen, die alle Teile der afrikanischen Kunst erfassen: Das sind Andacht, Medizin und Gemeinschaft. Und in die fließen Klage, Freudengesang und das Hymnische übergangslos ineinander.
Sie wurden vielfach ausgezeichnet, und dennoch geben Sie sich bescheiden. Bedeuten Ihnen diese Ehrung nichts?
Nun, ich sehe das als keine persönliche Auszeichnung, sondern als Dank und Anerkennung für meine Freunde, Förderer und Unterstützer, die Preise sind ihnen gewidmet. Für mich ist das eher ein Ansporn weiterzumachen, auch bei meinem Schul-Projekt M7 in Südafrika. Denn Bildung ist Hoffnung. Kunst und Musik können da Perspektiven weisen. Interview: Elisabeth Kirchner