Martyrium und Mysterium

von Redaktion

Erstes Konzert der Inntaler Klangräume in der Klosterkirche Reisach

Oberaudorf – Dunkel ist anfangs die Klosterkirche von Reisach, nur kleine Kerzen erhellen sie spärlich, der Hochaltar ist mit einem großen blutroten Tuch in Mantelform verhängt und von hinten erklingen die ersten Takte der Motette „Die Himmel erzählen“ von Heinrich Schütz. Mit kräftigen Orgelklängen erhellt sich dann der Kirchenraum: So beginnt das erste von drei Konzerten der Reihe „Inntaler Klangräume“, die Andreas Legath konzeptionell und musikalisch konzipiert hat.

Wohlkomponierte Gesamtinszenierung

Dieses Konzert in der vollbesetzten Reisacher Klosterkirche geht über ein normales Konzertformat hinaus, ist eine wohlkomponierte Gesamtinszenierung von Musik, Malerei, Poetik und Architektur, wobei alles durch Querbezüge thematisch miteinander verwoben ist: Alles spricht zu und mit allem. Es ist eine imponierende intellektuelle Konzeption als Raum-Klang-Bild-Erleben. Aber sie muss sich anschaulich-sinnlich bewähren.

Legath hat vor die sieben Altäre sieben eigene Bildinstallationen gestellt, die mit den Themen der Altäre, insbesondere der vier Reliefaltäre des Rokoko-Bildhauers Johann Baptist Straub, in einen Dialog treten: Die bunt gefasste Himmelfahrt des Propheten Elias auf dem Altarrelief kontrastierte Legath mit einem Bild in erdiger, grau-weißer Farbigkeit, aus dem plastisch eine Wurzel heraustritt, dazu rezitierte die Schauspielerin Anne Bennent ein Gedicht von Christine Lavant, das den Bogen vom Säen bis zum Traum vom Fliegen spannt. Und dazu sang ein sechsköpfiges Ensemble eine passende Motette von Johann Herrmann Schein. Das Ensemble wanderte dabei von Bild zu Bild, von Altar zu Altar.

Alles gipfelt im Schlussbild: Das Manteltuch vor dem Hochaltar, der symbolische blutrote Mantel Christi, wird hell angestrahlt, Anne Bennent redet im Gedicht vom Mantel, mit dem die Hirten den sprechenden Stern umhüllen sollen, der dann geheimnisvoll endet: „Ich war ein Stern und bin ein Kind, ihr müsst das nicht verstehen.“ Freudig singt der kleine Chor „Nun danket alle Gott.“ Freudiger Dank für das blutige Martyrium, das sich in ein Erlösungs-Mysterium verwandelt.

Anne Bennent
rezitiert

Auch Anne Bennent folgt in ihrer Rezitation der Gedichte aus der Sammlung „Die Bettlerschale“ von Christine Lavant (1915 bis 1973) dem räumlich-theatralischen Inszenierungskonzept: Langsam, ausdrucksintensiv und bedeutungsschwer ist ihre Diktion, raumfüllend ihre Stimme und raumgreifend ihre Gestik.

Mit seinen wuchtigen Improvisationen und machtvoll gespielten Choralbearbeitungen von Samuel Scheidt gliedert Wolfgang Mitterer die symbolischen Wanderungen durchs Kirchenschiff.

Das Gesangsensemble besteht aus Priska Eser und Konstanze Preuss (Sopran), Mareike Braun (Alt), Andreas Hirtreiter und Nikolaus Pfannkuch (Tenor) und Michael Mantaj (Bass), wobei vor allem die Altistin und der Bassist mit erdiger Tiefe prunken. Wolfgang Praxmarer an der Theorbe, Thomas Laar an der Violone und Kaori Mune-Maier an der Truhenorgel begleiten stilistisch gewandt die Sänger.

Johann Herrmann Schein (1586 bis 1630), Samuel Scheidt (1587 bis 1654) und Heinrich Schütz (1585 bis 1672) – die drei großen „Sch“ des 18. Jahrhunderts – sind die drei großen protestantischen musikalischen Propheten des Luther’schen Bibeltextes. Gesungen und musiziert wurde aber mehr katholisch-warmblütig als protestantisch-streng. So passte doch alles genau in die sowohl von karmelitischer Askese als auch von glühender karmelitischer Mystik erfüllte Reisacher Klosterkirche, in der sich auf dem Hochaltarbild Christus vom Kreuz zur heiligen Theresa von Avila neigt.

Die Zuhörer folgten gespannt diesem ungewöhnlich-eindringlichen Konzertformat, waren aufmerksam bis zum Schluss (obwohl auch hier wieder ein Handy hineinläutete) und spendeten am Ende langanhaltenden Applaus.

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