Schroffheit und melodisches Pathos

von Redaktion

Werke von Jean Sibelius bei den Tiroler Festspielen in Erl

Erl – Selten besitzt ein Orchester eine solch homogene Klangkultur, eine solch mitreißende Dynamik und musikalische Ausdruckskraft. Im Rahmen der Reihe „Erntedank“ beschenkte das Orchester der Tiroler Festspiele unter seinem Dirigenten Valentin Uryupin das Publikum mit dem Violinkonzert und der ersten Sinfonie von Jean Sibelius. Unter dem Motto „An der Schwelle zur Moderne: Russland & Finnland“ stand auf dem Programm des Abends aber zunächst der kaum bekannte russische Komponist Anatoli Konstantinowitsch Ljadow.

Träumerisches Märchenbild

Gleichsam als magisches Präludium erklang Ljadows Märchenbild „Der verzauberte See“ für Orchester op. 62. Leise Trommelwirbel und zarte Pizzicati der Streicher eröffneten ein träumerisches Klangwunder, das auf den Hörer eine meditative Wirkung ausübte. Glitzernde Harfentöne, an- und abschwellende Wogen der Streicher und melodisch fließende Flöten erinnerten an eine frühe Morgenstimmung, wenn ein leichter Wind das Wasser des Sees kräuselt. Mit ausladenden Gesten entlockte der Dirigent dem riesenhaften Klangkörper Tonfolgen voller Zartheit und Durchsichtigkeit.

Das Violinkonzert in d-Moll op. 47 von Jean Sibelius verbindet melodisches Pathos mit skandinavischer Klangästhetik. Ergreifend war die mit virtuoser Leichtigkeit und federnder Eleganz gespielte Solokadenz des jungen Geigers Timothy Chool im Kopfsatz. Der dunkel-herbe Ton der Celli bildete einen eigenwilligen Kontrast zum sehnsuchtsvoll schmachtenden Monolog der Violine. Nach einem lyrischen Adagio, in dem die Violine einen elegischen Gesang anstimmte, zeigte das Orchester im Finale eine kraftvolle Klangfülle, die in Echoeffekten und energischen Akkorden gipfelte. Als Zugabe nach dem begeisterten Beifall spielte Chool das Andante der Sonate Nr. 2 für Violine von Bach BWV 1003, dessen melodische Rhythmik im Saal eine hörbare Stille hervorrief.

Mit zupackender Leidenschaft und Frische dirigierte Valentin Uryupin die erste Sinfonie in e-Moll op. 39. Zu Herzen ging der leise Beginn mit einem wehmütigen Klarinettensolo. Melodisches Pathos, Klage und Schmerz besaß das Andante ma non troppo, in dem das Fagott ein berührendes Thema vortrug. Natur- und Landschaftsbilder mit Licht und Schatten kennzeichneten das Finale, dessen vonBlechbläsern erzeugte schroffe Kontraste nach dem Scherzo auf den Hörer eine faszinierende Klangwirkung ausübten. Für den überragenden Konzertabend erhielten Dirigent und Orchester vom Publikum minutenlange und begeisterte Ovationen.

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