Rosenheim – In einer Zeit, in der die digitalen Medien Ausdauer, Konzentration und geistige Tiefe immer mehr zugunsten von Oberflächlichkeit, Zerstreutheit und Unaufmerksamkeit verdrängen, kommt das Theaterprojekt von „Regie als Faktor“ in der „Vetternwirtschaft“ als Gegenentwurf gerade recht. Unter der Leitung von Valerie Kindl und Dominik Frank ging die literarische Mammutaufgabe, Robert Musils Jahrhundertroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ als vielgestaltige Theaterserie zu inszenieren, in fünfter Folge über die Bühne.
Im Fokus stand diesmal der General Stumm von Bordwehr, der als militärischer Beobachter beim Ideensymposion der sogenannten „Parallelaktion“ teilnimmt. Es handelt sich bei diesem 1913 stattfindenden Treffen um die Vorbereitung auf das 70-jährige Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph 1918 als Konkurrenzfeier zum 30. Jubiläum des Preußen Wilhelm II. im selben Jahr.
Als besondere Gestaltungsform hat sich das Regieduo diesmal für eine Stummfilm-Imitation entschieden und Karolin Benker vom Würzburger „theater ensemble“ für die Rolle des Generals ausgesucht. Eine gute Wahl, denn die Schauspielerin verkörperte genial den kleinen, dicklichen General mit Pickelhaube und „Lippenbürste“.
Grell geschminkt bewegte sich Benker vor der schwarz-weiß gestalteten Stummfilmkulisse mit grotesker Mimik, Gestik und choreografisch ausgearbeiteten Schritten pantomimisch über die kleine Bühne, wobei die Texte aus dem Roman wie in alten Stummfilmen auf Titelkarten projiziert wurden. Dazu kam die effektive Lichtregie, die das Gesicht des Generals manchmal dämonisch erscheinen ließ.
Die Musik, die den einzelnen Szenen unterlegt war, konterkarierte zum Teil die Handlung: Nach einem jazzigen „When You’re Smilin‘“ beim Eintreffen des Generals, begleitete der „Radetzky-Marsch“ beim biografischen Rückblick ironisch dessen slapstickhaften „Reitkünste“.
Das penible Sammeln von Taschenmessern wurde zu den Klängen aus Gustav Mahlers „Auferstehungssymphonie“ in Szene gesetzt, die in Offenbachs „Cancan“ übergingen und buchstäblich in die „Blaue Donau“ von Johann Strauss mündeten. Dmitri Schostakovichs melancholischer „Walzer Nr. 2“ fungierte leitmotivisch in wesentlichen Handlungssequenzen, zum Beispiel beim vergeblichen Versuch des Generals, das Chaos der unterschiedlichen Weltanschauungen begrifflich in eine Ordnung zu bringen, oder bei den Dialogen mit dem Bibliothekar und dem Bibliotheksdiener in der Hofbibliothek, die mit Sockenpuppen karikiert wurden. Bei diesen Gesprächen wird die Geistferne des Generals deutlich, der Bücher als „feindliche Linien“ bezeichnet und für den die Ordnung „in das Bedürfnis nach Totschlag“ übergeht.
So endete das Theaterstück denn auch mit der „Leichten Kavallerie“ Franz von Suppés und einer befremdlichen Rede des Generals, in der er das Militärische in den Vordergrund rückte und den Weg in den Ersten Weltkrieg unterschwellig andeutete.
Insgesamt kann man feststellen, dass es gelungen ist, die epische Breite des Romans auf zentrale Stellen einzudampfen und jeweils die Quintessenz herauszuarbeiten. Die nächste Aufführung findet am Sonntag, 27. Oktober um 19 Uhr in der Vetternwirtschaft statt.