Viel Chopin – und kein Überdruss

von Redaktion

Vier Konzerte mit vier Pianistinnen an einem Tag in Erl

Erl – Wollen wirklich so viele so oft und so lange Chopin am Stück hören? Die Tiroler Festspiele Erl machten bei den „Erntedank-Konzerten“ den Versuch und boten an einem Tag hintereinander vier Konzerte mit vier verschiedenen jungen Pianist(inn)en an. Und siehe da: Nicht wenige Zuhörer hörten sich alle vier Konzerte an und selbst das letzte am Abend war noch gut besucht. Mariusz Klubczuk hatte am Nachmittag mit Mazurken und den Etudes begonnen, Miriam Batsashvili mit den sechs polnischen Liedern, von Franz Liszt arrangiert, und der Grande Polonaise Brillante weitergemacht, dann kam Mélodie Zhao mit einem Scherzo und Balladen, den Schluss bildete Claire Huangci. Sie hat 2011 den zweiten Preis beim ARD-Wettbewerb in München gewonnen.

Diese knapp 30-jährige junge amerikanische Pianistin verfügt über einen großen leuchtenden Ton, den sie nur allzu gern dem Fazioli-Flügel entlockte. Ihr Spiel ist hochkonzentriert-bewusst, völlig unverzärtelt, nicht „romantisch“ verschwommen, sondern eher bestimmt, innerlich immer voller Erregung, nie „abgeklärt“: Dieser Chopin war kräftig-gesund, dieser Chopin hatte keine Schwindsucht.

Das hörte man schon an den 3 Nocturnes op.9: Die Begleitfigur in der linken Hand rumorte leise, aber unhörbar drängend, die Melodienoten vibrierten immer voll verhaltener Leidenschaft und unversehens eifrig geriet die Pianistin in das vorgeschriebene Forte, das bei ihr wie ein Triumph klang.

Für die Ballade Nr. 1 hatte Claire Huangci den großen Atem fürs Rhapsodische, die Leidenschaft für die großen Aufschwünge und den richtigen Sinn fürs effektvoll Glitzernde. Ein spontanes „Bravo!“ hörte man bei den Zuhörern nach dieser Ballade mit dem wildwütigen Schluss, den Claire Huangci wirkungsvoll donnerte.

Die 24 Préludes op. 28 waren alle plastisch ausgeformt und erfassten den jeweiligen Charakter genau: das Drängen im ersten, das überschwänglich Motorische im dritten, die genau gezeichnete Basslinie im sechsten und der von oben herabstürzende Glitzerregen im zehnten, während sich das gis-Moll-Prélude geradezu nach oben hämmerte und das es-Moll-Prélude unterirdisch brauste. Das „Regentropfen-Prélude“ hatte einen etwas harten Anschlag, aber dafür eine machtvolle Steigerung. Nach dem vulkanischen Ausbruch im letzten Prélude mit dem wie Kanonenschüsse dröhnenden dreimaligen tiefen Kontra-D entlud sich die Spannung der Zuhörer in genauso dröhnendem Applaus mit vielen Bravo-Rufen.

Dafür gab’s als Dank nochmal ein träumerisches Nocturne, davor aber den selten gespielten Boléro op. 19 in gekonnt-koketter Rhythmik.

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