Grassau – „Braucht ein Orchester eigentlich einen Dirigenten?“ war das Gesprächskonzert im Kammermusiksaal des Sawallisch-Hauses überschrieben. Sechs junge Dirigenten, zwei davon Frauen, hatten zur Fortbildung einen mehrtägigen Kurs bei Professor Guido Johannes Rumstadt in der Sawallisch-Villa verbracht. Zum Abschluss fand das „Gesprächskonzert“ statt, bei dem dem interessierten Publikum durch die unterschiedlichen Dirigenten wichtige Aspekte des Dirigierens klar wurden.
Rumstadt ist seit 2007 erster Kapellmeister am Staatstheater Nürnberg. 2009 wurde er zum Professor für Orchester und Dirigieren an die Musikhochschule Nürnberg berufen und übernahm 2014 die Leitung des Hans-Sachs-Chores in Nürnberg.
Quartett übernahm Rolle des Orchesters
Beim Konzert gab es schon aus Platzgründen kein vollständiges Orchester, sondern ein Quartett mit zwei Violinen (Elisabeth Zaitseva, Christopher Sandberg), Viola (Anna Hoffmann) und Violoncello (Hannah von Glasow). Den Part der fehlenden Instrumente übernahm jeweils ein Dirigent am Flügel.
Mehrere Ausschnitte aus berühmten Opern kamen zur Aufführung, wobei drei Sänger den Gesangspart übernahmen. So sang zum Beispiel die in Lettland geborene Sopranistin Margarita Vilsone höchst ausdrucksstark die Rolle der Agathe in Carl Maria von Webers „Freischütz“ unter dem Dirigat der Koreanerin Junyoung Kim oder die Rolle der Eurydike aus Christoph Willibald Glucks Oper „Orpheus“, dirigiert von Matts Nowak. Rumstadt erklärte, dass gerade bei Opern ein Dirigent unabdingbar sei, weil er die einzige Person sei, die das Geschehen auf der Bühne verfolgen und so die richtigen Einsätze geben könne. Selbstverständlich könne ein Dirigent auch die musikalische Interpretation verändern, was den Zuhörern im zweiten Teil des Konzerts deutlich wurde, als ein anderer Dirigent das gleiche Stück mit den gleichen Sängern erneut dirigierte. Ergebnis: unterschiedliche Spielweisen sowohl bei Musikern als auch Sängern.
Wunderbar erklang aus der „Zauberflöte“ die Sprechszene zwischen dem Hohen Priester mit Phillip Gaiser (Bariton) und Tami-no mit Eberhard Francesco Lorenz (Tenor ), dirigiert von Matts Nowak aus Hamburg. Rumstadt hatte mehrfach Sprecherszenen für das Konzert ausgewählt, da sie immer „die Hohe Schule des Dirigierens“, nämlich eine besondere Herausforderung für Dirigenten bedeuten.
„Nicht jeder zum Dirigieren geboren“
Derzeit gibt es in Deutschland 200 junge Dirigenten in Ausbildung. Aber oft erst nach dem Studium und im Laufe der Karriere werde es klar, ob eine oder einer wirklich „zum Dirigenten geboren“ sei, so Rumstadt. Als Beispiel nannte er den berühmten, 2016 verstorbenen Dirigenten Nikolaus Harnoncourt, der erst spät im Leben vom Cellospielen zum Dirigieren wechselte.
Wie für Zuhörer mit günstigen Sitzplätzen sichtbar wurde, sind nicht nur die Armbewegungen, sondern der „sprechende Gesichtsausdruck“ – teilweise das lautlose Mitsprechen der Texte – für die Musiker wichtig. Ausdrucksstark dirigierten so auch Lisa-Maria Holzschuh und Felix Krupa-Koltun, beide aus Düsseldorf, sowie der Koreaner Junyoung Chae. Zum Abschluss des anregenden Musiknachmittags und vor dem begeisterten Schlussapplaus erklang die Agathenarie „Süße Hoffnung, neu belebter Mut“, aus dem „Freischütz“ – ein Text, der auch für die jungen Nachwuchsdirigenten passend schien.