Paradies mit singender Säge

von Redaktion

Rosenheimer Kleinkunsttage Nessie Tausendschön zwischen Chanson und Kabarett

Rosenheim – Tja, was war das jetzt für ein Abend? Ein Chanson-Abend? Politisches Kabarett? Comedy? Kleinkunst? Überhaupt Kunst? Nessie Tausendschön bot Tausenderlei bei den Rosenheimer Kleinkunsttagen und verriet gleich zu Beginn, was den Unterschied zwischen Comedy und Kabarett ausmache: der Genitiv: „Ein Comedian macht’s wegen dem Geld, die Kabarettistin wegen des Geldes.“ Das wäre also geklärt: Nessie Tausendschön ist eine Kabarettistin. Aber auch eine beeindruckende und weltläufige Diseuse mit ausgefeilter Rhetorik. Und eine ergiebige Plauderin, eine „Meisterin der Abschweifung“, wie sie selber sich nannte. Der Rezensent meint: eine Meisterin des „und“.

Witzigerweise fing sie mit den Zugaben an und mit Witz packte sie die Zuhörer im zu zwei Dritteln gefüllten Lokschuppen sogleich mit einem nicht enden wollenden „Song of Vergessing“ aus der „wunderbaren Welt der Amnesie“, einem wilden Song mit jazzigem Scat-Gesang und nervenzerfetzenden Texten. Dabei zeigte sie schon ihre Kunst der pathosfreien Selbstironie. Dann verriet sie den Titel ihres Programms: „Knietief im Paradies“.

Ein schön sinniges Motto – das sie bloß nicht stringent durchhielt. Immerhin aber immer wieder: So lästerte sie über das Kinderparadies bei Ikea, wo die Kinder geparkt werden, fragte sich, ob der Konsum das Paradies sei mit dem Kleiderständer als Baum der Erkenntnis, fragte sich, ob, wenn Adam und Eva Chinesen gewesen wären, sie die Schlange gegessen hätten, bastelt sich dann selber mit der singenden Säge ein Paradies, in dem man sich nach etwas sehnen kann und empfahl dabei: „Mit Religionen ist es wie mit den Genitalien; Wir zeigen sie nicht öffentlich, wir spielen nur zu Hause damit!“ Nach einem Lied über Angela Merkel („Angela, warum lullst du uns so ein?“) und einem Lied eines armen, deutschen dummen Mädchens („aus: Beate Zschäpe. Das Musical“) las sie einen sehr humorigen Text über Sollbruchstellen auch bei Männern, empfahl dabei einen Autobahn-Stau als Prüfstein für Partnerschaftsfähigkeit, referierte über Lach-Rassen (das Keckern, das Schnapplachen etc.), philosophierte über uns Menschen als Sieger-Samen und über das Alter und übers Glück.

Aber auch sie musste unbedingt – in einem fränkisch-bairischen Dialekt – das Bayerntum parodieren in einer rüpeligen Rede eines betrunkenen CSU-Ortsvereins-Vorstandes. Man geht doch auch nicht als Tiger in die Höhle des Löwen – hier eben nach Rosenheim – und erzählt dem, wie Löwen sind! Das Publikum grummelte merklich.

Paradiesisch schön war die Musik ihres musikalischen Begleiters, des kanadischen Gitarristen William Mackenzie, von Nessie Tausendschön zärtlich als „Sound-Nerd“ apostrophiert. Er spielte eine erstaunliche Anzahl von erstaunlich aussehenden Gitarren, darunter eine Stahlgitarre, zu der Nessie Tausendschön das Theremin bediente, einen berührungslosen Synthesizer, mit dem man kräftig jaulen kann. Mackenzie begleitete herrlich leise groovend, grundierte immer sanft den Rhythmus und brachte Poesie in die scharfen Wortattacken.

So war die Zugabe das Poetischste und Paradiesischste an diesem thematisch etwas disparaten Abend: das zauberhaft gesungene „You belong to me“.

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