Rosenheim – In der heutigen postmodernen Zeit verengen sich Präsentationen selbst der Hochkultur mehr und mehr zu Mainstream-Events: Nur sogenannte Stars locken das Publikum noch und sattsam Bekanntes.
Musils Riesenroman
als Einzelfolgen
Das „Regie-als-Faktor“-Team steuert da mutig, fantasievoll und mit Witz gegen den herrschenden Trend und bietet, unterstützt vom „Verein für bodenständige Kultur“, das pure Experiment: Robert Musils Riesenroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ wird gesplittet in Staffeln und Einzelfolgen. Es dauert erfreulicherweise noch geraume Zeit, bis die letzte Folge über die Bühne gegangen sein wird!
Jeder Teil sei auch einzeln verständlich, beruhigen die Regisseure Valerie Kiendl und Dominik Frank. Man muss ergänzen, jede Folge ist aber auch einzigartig, nichts über den Leisten geschlagen. Blickwinkel, Situation, Darstellung und Ästhetik sind jedes Mal überraschend, aber in sich logisch.
Gemeinsamer Nenner: Aus einem Niedrig-Budget wird ein Maximum an farbig unterhaltsamen, ja brillanten Einfällen gefiltert. Folge 6: „Rachel findet Gefallen an Soliman – Liebe geht durch den Magen“.
Und das Publikum
schnibbelt Gemüse…
Der Magen wurde wörtlich genommen, denn das Publikum durfte am großen, gedeckten Tisch Platz nehmen, auf dem schon vielerlei Gemüse bereit stand. Das musste „geschnippelt“ werden. Von wem? Natürlich von den Gästen! Diese befinden sich nun im Gesindetrakt eines hochherrschaftlichen Hauses und hören während des Bemühens, Gurken, Paprika oder Fenchel kleinzukriegen, die Wechselreden der mit am Tisch platzierten Dienstboten Rachel und Soliman.
Zum Hintergrund: Im Salon der Grande Dame Ermelinda Tuzzi, etwas ironisch als Diotima benannt, laufen die Fäden für eine „Parallelaktion“ zusammen. In das Jahr 1918 fällt nämlich das 70. Thronjubiläum von Kaiser Franz Joseph. Doch da gibt’s unliebsame Konkurrenz, denn just in jenem Jahr feiert Wilhelm Zwo sein 30-Jähriges. Was tun, um nicht im Schatten der Preußen zu verkümmern!? Das eben wird von hochrangigen Persönlichkeiten im Hause Tuzzi eifrigst diskutiert. Die Debattierer müssen natürlich mit einem Gastmahl verköstigt werden, und da ist wohl „Diotima“ (der Name taucht in Platons Dialog „Symposion“ auf) gefordert, das Beste aus Küche und Keller aufzufahren.
Darf der weiße Akteur
schwarz gefärbt sein?
Dies besorgt also das Publikum, zusammen mit der Zofe Rachel und Soliman, dem Bedienten des Großindustriellen Paul Arnheim, dem „fast“ Geliebten Diotimas. In der feinen Gesellschaft laufen derlei Dinge offenbar sehr platonisch ab. Direkter entwickelt sich die Geschichte zwischen Rachel und Soliman, die von den beiden jungen Schauspielern Marie-Sophie Ernst und Anton Schneider temperamentvoll-komödiantisch und sympathisch gemimt wurden – mit Wuschelperücke, Schminke und weißem Schürzchen.
Fragen der Political Correctness werden reflektiert: Darf der weißhäutige Schauspieler schwarz angemalt den „Mohren“ darstellen, oder stellt er ihn damit schon bloß? Auch die jüdische Herkunft Rachels gibt Anlass, das Verhalten ihrer Brötchengeber unter die Lupe zu nehmen. Ignoriert Diotima Rachels wahre Identität, indem sie diese schlankweg französisch „Raschel“ tituliert?
Kulinarisches zur
Krönung des Abends
Inzwischen wurden die frugalen Rohstoffe in der Küche der Vetternwirtschaft zu einem köstlichen Mahl aufbereitet, das jedem vegetarischen Restaurant zur Ehre gereicht hätte. Nach den geistigen wurde das heftig applaudierende Publikum zur Krönung des Abends auch mit kulinarischen Genüssen regaliert. Wahrlich ein sozialer Aufstieg: Vom Dienstpersonal zur österreichischen Hautevolee! Die dann anhebenden zwanglosen Gespräche standen nicht mehr bei Musil, drehten sich naturgemäß auch nicht mehr um die Probleme eines Thronjubiläums.
In der nächsten Folge ist der Brennpunkt das alte, von Musil sehr ironisch in den Blick genommene K.-u.-k.-Österreich-Ungarn. Analog zu Shakespeares Rede von „Böhmens Küste“, könnte es dann vielleicht heißen „Österreich liegt auf Ibiza“?
Wir dürfen gespannt sein.