Bös und tiefsinnig: Vom Koma zum Amok

von Redaktion

Sigi Zimmerschieds Memoiren bei den Kleinkunsttagen polarisieren

Rosenheim – „I bin a Proll, i bin a Drecksack, pervers, übergriffig“, um so mehr wundert und freut sich Sigi Zimmerschied, dass bei seiner Geburtstagsfeier zum 65. „alle zwecks ihm da sind“. Alle, damit meint er das Publikum der Rosenheimer Kleinkunsttage, das im bis auf den letzten Platz gefüllten Saal im Lokschuppen den bekanntermaßen ketzerisch bösen Kabarettisten feierte.

Kammerjäger
mit Fliegenklatsche

Bewaffnet mit Fliegenklatsche stürmt der Niederbayer als cholerischer Kammerjäger durchs Publikum, stürzt sich auf „Dickmaulrüssler“ und überlegt, was ein „Kaisermantelweibchen neben einem Egerling“ zu suchen hat. Mit Abwehrtropfen bekämpft Zimmerschied das Ungeziefer, wenngleich er etwas Mitleid mit farbenfrohen Käfern zu haben scheint: „I bin gern für Farb – das macht Deutschland bunt“. Hintersinnig und pointiert attackiert der Schädlingsbekämpfer nicht nur Kakerlaken fressende Migranten, die in Küchen für Sauberkeit sorgen, sondern auch mit widersinnigen Vorschriften über Hygienevorschriften. „In Deutschland, da musst tragen Handschuhe beim Totmachen!“ und „Zipfe-Statistiken“.

Während die Gäste im Saal zahlreich sind, sitzt der Sigi allein an seinem mit „Lusenhexe“, „Wodka“ und einem Blumenstrauß aus Fliegenklatsche gefüllten Geburtstagstisch und sinniert – ständig trinkend – über seine Familie, Wirtschaftsmigranten der 50er, 60er-Jahre, die raus aus dem Bayerischen Wald in die Stadt flüchten. Ganz im Sinne des Schädlingsbekämpfers fällt die Mutter der Fliegenklatsche zum Opfer, der Vater, Steuerbeamter, wird als „Ratz“ geköpft und dekorativ zur Schau aufgehängt, Schwester Evi, ein Weberknecht, erschlagen und der Bruder „a Kakerlak“, brutal geknackt. Direkt neben dem Ratz am Mikrofon hängt das Kreuz – Symbol für den „größten Serienkiller der Geschichte“ von dem die CSU meint „Ham doch immer gut mit z`samm gearbeitet“.

Und das Publikum
schweigt betroffen

Nach der Pause läuft Sigi richtig Amok, gegen Kirche, die das Böse braucht, um zu überleben, und den Krieg, Bundeswehr und AfD, Rentenbescheid und Sterbehilfe. In Reimform gepresste „Ästhetik der Gewalt“ bannt die Zuhörer, jeder Satz pointiert, bös, tiefsinnig. Um seine Rente von 257 Euro aufzubessern, schickt Zimmerschied Bewerbungsschreiben an Pflegeeinrichtungen als potenzieller Todesengel; an den schwarzen Block der Antifa – den praktizierten „Faschismus ohne schlechtes Gewissen“; an den „Imam“, besser „Ipap“ als „Ungläubigebeseitiger im Raum Passau“.

Alles endet in einem finalen Massaker, in dem „Onkel Sigi“ die „Social Midas“ – „Killerdrohnen des kleinen Geistes“ – dazu auffordert, Überlebende des Massakers im Publikum zu fotografieren und mit diesem Bildmaterial die Rente aufzubessern. „Wo bleibt der Geist von Srebrenica?“ ruft er – Musik in Moll setzt ein. Es breitet sich totale Ruhe im Saal aus, bedrückt, getroffen schweigt das Publikum.

Fazit eines melancholisch wirkenden Sigis am Gabentisch mit Gifttrunk in der Hand: „Es ist eine ehrenvolle Aufgabe, die Menschheit von Ungeziefer zu befreien, die ehrenvollste, sich als solches zu erkennen! Prosit“, mit einem gruselig teuflischen Lachen, Licht aus, Ton aus, Stille – Ende eines aufrüttelnden Abends.

Sigi Zimmerschied polarisiert, er geht oft unter die Gürtellinie, beherrscht jegliche Art von Zynismus und hat mit gesitteter Hochsprache nichts am Hut – aber er ist ein Meister seines Fachs.csi

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