Rosenheim – Die Bandbreite war groß: Zwischen der Darstellung politischer Gewalt und verspielten Szenen aus dem Chiemgau bewegten sich die Filme am ersten Tag der 5. Kunstfilmtage des Kunstvereins Rosenheim in der Kunstmühle.
Tränengaswolken
und schwarze Malerei
Drei Filme von Monika Huber thematisierten politischen Protest und tödliche Gewalt: „Protest“ zeigt in verwischten Konturen zwischen Tränengaswolken protestierende Demonstranten und schießende Polizisten, die immer wieder von einer Hand schwarz übermalt, mit Farbe überschüttet oder ganz weggewischt wurden. Insbesondere die dazu gefügte Musik mit Trommelwirbeln bewirkt die unheildrohende Stimmung dieser Proteste – unabhängig davon, wogegen wer da protestiert. Die Gewalt bleibt anonym.
Unsichtbare Klägerin
gegen Unrecht
Der sechsminütige Film „Razan“ ist ein künstlerisches Videoporträt der syrischen Menschenrechtsaktivistin Razan Zaitouneh. Die Anwältin, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Menschenrechtsverletzungen im syrischen Bürgerkrieg zu dokumentieren, bleibt unsichtbar, man hört nur ihre Stimme, mit der sie ihre Tätigkeit beschreibt, und man hört dazu Tastaturgeklapper. Man sieht nur textile Strukturen, die scheinbar alles verhüllen. Am 9. Dezember 2013 wurde Razan Zaitouneh aus ihrem Büro entführt, seitdem ist sie verschollen. Dieser Film ist eine mahnende Erinnerung an sie. Am gewichtigsten und deutlich sichtbar künstlerischsten ist der zweieinhalbminütige Film „Captured“, der die Entführung von 276 Schulmädchen in Nigeria durch die islamistische Gruppe Boko Haram thematisiert. Das Bild dieser mit Kopftuch verhüllten Mädchen ist ikonisch geworden. Das Originalpressebild durfte Monika Huber nicht verwenden – also zeichnete sie es. Man sieht, wie digital Gesicht für Gesicht als anonymen schwarzen Fleck gezeichnet erscheint, dazu die Körperumrisse, dann werden die schwarzen Gesichter wieder gesichtslos weiß. Dazu ruft die Künstlerin die Namen der 50 Mädchen auf, die von ihren Eltern auf dem Bild erkannt worden waren – die anderen wurden nicht erkannt.
Zeichnung zeigt die
brutale Anonymität
Bis heute sind immer noch circa 100 Mädchen vermisst. „Man begreift eigentlich erst durch das Zeichnen, wie anonym, wie gesichtlos dies alles ist, dass sie ihrer ganzen Identität beraubt wurden“, sagte Monika Huber dazu.
Gegen diese hochpolitischen Filme wirkten die Filmschnipsel, die Martin Fritsche aus Antwort im Chiemgau „zu einem Filmepos zusammenfügt“, wie Peter Weigel, einer der Vorsitzenden des Kunstvereins, in der Einführung formulierte, heiter verspielt, gedankenleicht und alltäglich lustig.
Hochgewehte Schürze
wie bei der Monroe
Mit „daneben“ betitelt Martin Fritsche sie: ein deutlicher Gegensatz zu dem „mittendrin“ der Filme von Monika Huber. Gedankentiefe erreichen sie durch die Wortspiele und die Musik. Als „unspektakuläre Alltagsszenen“ bezeichnete der Künstler sie, deren wortspielerische Titel eine „poetische Zuwendung“ seien. Einem kleinen Mädchen im Dirndlgwand wird dauernd die Schürze hochgeweht – wie weiland der Monroe in der berühmten Filmszene. Zu Klaviermusik von Eric Satie gleitet ein Bub auf Skiern im Schneepflug den Hang hinunter, bis er sich in seine Umrisse auflöst. Zu „Riders on the Storm“ von The Doors reitet eine Reiterin an der Longe im Kreis, zu Renaissance-Chormusik melken Bauernhände eine Kuh, Mützen rutschen ins Gesicht oder fliegen davon und eine Frau versucht vergeblich, Kerzen auszublasen; zu einem Song von Neil Diamond mäht der Vater des Künstlers den Rasen und bunte aufgeblasene Luftballons explodieren – was Martin Fritsche mit der ebenso explodierten Finanzblase assoziieren will. Ausgangspunkte dieser Filmschnipsel sind immer Alltagsszenen oder -gesten, die spielerisch in andere Sinnzusammenhänge gebettet werden und damit vielerlei Assoziationsräume öffnen.