Rosenheim – Ausschließlich mit Antonin Dvorák im Gepäck waren das tschechische National Symphonieorchester und der jugendlich agile Dirigent Jurek Dybal angereist, um im Rosenheimer Kunst- und Kongresszentrum das erste Meisterkonzert der Saison zu bestreiten.
Dvorak pur ist sicher gerade in deutschen Landen kein Risiko, auch außerhalb eines griffigeren Jubiläums – sieht man mal vom 115. Todestag ab. Herzstück des Abends war das wunderschöne, nicht gerade sehr oft gespielte Violinkonzert in a-Moll. Als Galionsfigur aber glänzte die ebenso zierliche wie phänomenale Geigerin Soyung Yoon.
Rechtzeitig zum offiziellen Beginn der närrischen Zeit eröffnete die Konzertouvertüre „Karneval“ das Programm. Das auch quantitativ beachtlich bestückte Orchester ließ von Anfang an keinen Zweifel, dass es gewillt war, dem temperamentvollen Maestro sekundengenau durch Dick und Dünn zu folgen. Jurek Dybal wiederum packte mit geballter Energie den Stier bei den Hörnern, denn dieser Karneval begann sofort mit rhythmisch gezackten Attacken im Orchester-Tutti. Kurzweilig rollte diese Ouvertüre ab mit überraschenden Wendungen, auch mit viel Pauken -und Trompeten-Glamour, und einer Präzision, mit der die Tschechen von Anfang an punkteten.
Kulissenwechsel: Star-Auftritt ohne Star-Allüren! Soyoung Yoon nahm sich mit überlegener Ernsthaftigkeit eines Solokonzerts an, dessen trotz virtuoser Kapriolen organischer Fluss und homogene Stimmigkeit einen beglückenden Gesamteindruck hinterlassen. Kein Gedanke mehr an die qualvolle Entstehungsgeschichte: Joseph Joachim, der erste Interpret hatte lange und ausführlich an Dvoráks Werk herumgekrittelt, bis er seinen Part als genügend profiliert akzeptierte.
Was soll man aber über die Solistin des Abends noch sagen, wenn im Programmheft schon die treffendsten Charakteristika vorweggenommen werden? „Gefühlvoll“ und „diszipliniert“ – damit ist wohl ihre künstlerische Persönlichkeit treffend umrissen (die „technische Perfektion“ dürfen wir als gegeben voraussetzen!). Im Detail: Das „virtuose Rankenwerk“ wird nie als Mittel der Selbstdarstellung missbraucht; die Geigerin schmiegt sich da an das symphonische Strömen des Orchesters an, um mit fein gezeichneten Läufen und Trillern unaufdringliche Glanzlichter zu setzen. Die folkloristisch angehauchten Motive und innigen Kantilenen – auch sie gerieten diszipliniert, doch mit gehöriger Süße, ohne im nur Gefälligen zu verflachen. Der letzte, fast elfentanzartig flirrende Satz mit seinem genialen Ohrwurm-Thema, riss das Publikum zu großem Jubel hin.
Mit seiner leidenschaftlichen 7. Symphonie wollte Dvorák sich als autonomer Symphoniker ausweisen, um nicht immer (vor allem im hochnäsigen Wien) als „gesteigerter Heimatkünstler“ oder gar „genialer Rastelbinder“ belächelt zu werden. Etliches dröhnende Orchester-Fortissimo war freilich nicht Ausdruck einer Bewältigung emotionalen Konfliktpotenzials, als vielmehr vitale Kraftdemonstration. Lag es vielleicht daran, dass einem hier die letzte Dvorák-Glückseligkeit versagt blieb? Trotz des fulminanten Scherzos gab’s dieses Mal am Schluss zwar herzlichen Beifall, aber keine Ovationen.