Knapp eine Woche ist vergangen, seit am 9. November in ganz Deutschland an den 30. Jahrestag des Falls der Berliner Mauer erinnert wurde. Für eine Ortsnamenserie wie „Vo Ort zu Ort“ eine gute Gelegenheit nachzuschauen, welche Gemeinsamkeiten oder Unterschiede bei der Namengebung das 1990 als Beitrittsgebiet titulierte Nordostdeutschland im Vergleich mit dem südostdeutschen Sprachraum hat. Gibt es etwa Unterschiede allein wegen der bekannten verschiedenen Aussprache-Varianten des Deutschen in Sachsen und Bayern, oder werden in den „neuen Ländern“ und nicht zuletzt in Berlin ganz andere Vokabeln bei den Ortsnamen als im Süden des deutschen Sprachgebiets verwendet?
Betrachten wir zuerst Berlin, Dresden, Leipzig.
Berlin hat durchaus nichts mit einem Bär zu tun, wie man aufgrund des Namens und dem nur auf einer Legende beruhenden „Berliner Bären“ vermuten könnte.
Die Hauptstadt Deutschlands verdankt ihren Namen einem Begriff aus der Sprache von Einwanderern, die seit dem 8. Jahrhundert weite Teile des heutigen Nordostdeutschlands besiedelt haben: Den Slawen.
Im Slawischen findet sich die Wortwurzel „brl“ = „Sumpf“, „Morast“. Somit kann man Berlin, das erstmalig 1244 urkundlich erwähnt ist, als „Ort am Sumpf“ deuten. Kein Wunder angesichts der Flüsse Spree und Havel.
Der Stadt Leipzig liegt ein slawischer Begriff für die Linde zugrunde; im Jahre 1015 ist eine „urbs Lipzi“, eine Stadt der Linden, erstmalig erwähnt.
Für das Jahr 1206 kommt der Name von Dresden erstmalig vor: Ebenfalls ein slawischer Begriff, der dem altsorbischen Wort für „Bewohner am Sumpf oder Auwald“ – „Drezdany“ – entstammt. Die geografische Lage ist somit im Nordosten Deutschlands genauso wie in anderen Breiten ein beliebtes Mittel gewesen, um einen Ortsnamen zu installieren.
Aber natürlich haben viele Ortsnamen in den „neuen Bundesländern“ aus historischen Gründen eine slawische Grundlage. Dies ist bei uns eher nicht der Fall, denn unsere Namen haben zumeist eine keltische oder romanische oder germanische Grundlage.
Manche Namen klingen aber dennoch fast gleich: Beispielsweise Bernau bei Berlin und Bernau am Chiemsee. Aber Obacht! Das nördliche Bernau wird hinten betont, das südliche vorne. Und unser Bernau setzt sich aus der Au, früher ouwe = Insel, wasserumflossenes Gebiet, und wahrscheinlich dem Bären zusammen – ausgerechnet, liebe Berliner und Bernáuer! –, während das nördliche Bernau den slawischen Personennamen Barnim im Namen hat. Auch die Silbe -au beruht im Nordosten zumeist auf slawisch -ow.
Dieses hat aber nichts mit dem alten ouwe zu tun, sondern drückt eine Zugehörigkeit oder Individualisierung aus. Hierfür gibt es bei uns etwa die -ing-Orte. Zum Glück (?) werden Ortsnamen nicht mehr verändert. Sonst hätten wir in Anbetracht des stetig wachsenden sprachlichen Einflusses aus dem Norden („kucken“, „tschüss“) demnächst ein „Bad Aiblow“, Aßlow“, vielleicht auch ein „Ostermünchow“. Aber: Deutschland ist ja bunt. So soll es auch sprachlich bleiben!!Armin Höfer