Mozart und Strache – Genies? Lümmel?

von Redaktion

In der „Vetternwirtschaft“ gibt es Robert Musil in der siebten Folge

Rosenheim – „Oh wie schön ist Kakanien!“ Dieser halb bewundernde, halb ironische Stoßseufzer Robert Musils war gewissermaßen das Motto der siebten Folge von „Der Mann ohne Eigenschaften“. Diese k.und k.-Doppelmonarchie, „die in so vielem ohne Anerkennung vorbildlich gewesen ist“, war das Ziel einer archäologischen Spurensuche, die das Team von Regie-als-Faktor, Valerie Kiendl und Dominik Frank, trickreich und mit beachtlichem Aufwand an Fantasie in Szene gesetzt haben. Ihren Intentionen folgten kongenial die beiden Schauspieler, Annika Roth und Thomas Schneider.

Im stickigen Gewölbe
ein Puzzle verknüpfen

In weiße Schutzanzüge gewandet, forschten sie mit der Taschenlampe in den stickigen und stauberfüllten Kellergewölben des österreichischen Staatsarchivs nach Spuren und Souvenirs, die wie ein Puzzle das Bild des lange untergegangenen Staates Österreich-Ungarn zutage fördern sollten.

Langsam ist nicht gleich langweilig. Die dem „Theater der Langsamkeit“ nachempfundene „Slow Motion“ geriet sogar ungemein spannend und amüsant. Die beiden „Archäologen“ hatten keine großen Monologe zu halten, sie begnügten sich mit kurzen Hinweisen auf die Archivlisten: „Artefakt, Nr. 98 Blatt zwei“ oder „Biofakt.“ – letzteres waren eingetrocknete Reste eines Kaiserschmarren („international bekannt unter Emperors Nonsense“) oder „Schokoladekugeln mit dem Namen eines Komponisten“. Um der Langsamkeit kreativ gegenzusteuern bedurfte es einer genau kalkulierten Körpersprache.

Annika Roth und Thomas Schneider verständigten sich mit kurzen Blicken, fragendem Schulterzucken oder resigniertem Stirnrunzeln bei nicht mehr identifizierbaren Fundstücken und staksten in präziser Choreografie auf der Bühne hin- und her. An die zutage geförderten Porträts von W. A. Mozart und einem gewissen Herrn Strache knüpften sich Bemerkungen Musils über Österreichs Umgang mit Genies: Für solche Überflieger hätte die Obrigkeit schon etwas übrig gehabt, vorausgesetzt es handelte sich um Persönlichkeiten in entsprechend hoher gesellschaftlicher Stellung. Andernfalls seien es nur „Lümmel“.

Ein Schnulzofon
schmettert Schlager

Im Fall Mozarts schien die Sache sowieso klar gewesen zu sein. Die tastende Suche nach dem versunkenen Kakanien brachte auch eine „k. und k.-Klampfe“ hervor, deren fragmentarische Motive zu Beginn die tastende Aktion der Archäologen sinnig untermalte. Glanzstück der antiquarischen Kostbarkeiten aber war ein „Schnulzophon“ – prompt ertönten Schlager, ein klingendes Pandämonium österreichischer Ge- oder Ungemütlichkeit! Vom berühmten Taubenvergiften ging’s über Heurigenlieder bis zum „Anton aus Tirol“. Das nächste schriftliche Fundstück lautete dann lapidar „Diese Kultur ist mit Recht untergegangen“.

An Genies geht
ein Land zugrunde

Danach entledigten sich die beiden Spurensucher ihrer Arbeitskleidung und verwandelten sich – sie in rotem elegantem Kleid mit preziöser Kopfbedeckung; er in schicker Uniform mit Perücke – in ein archetypisch kakanisches Idealpaar. Stolz flankierten sie das Regal, auf dem die Preziosen, jetzt ein Trödel, einen Abglanz alter Kaiserherrlichkeit vermitteln sollten. „Es war, trotz vielem, was dagegen spricht, Kakanien vielleicht doch ein Land für Genies; und wahrscheinlich ist es daran auch zugrunde gegangen.“ Tja, was hätte der Kaiser wohl dazu gesagt? Das Publikum gab seiner Begeisterung jedenfalls lautstarken Ausdruck!

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