Rosenheim – Ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse und dem Deutschen Buchpreis, ist er der Stargast des herbstlichen Kulturprogramms in Rosenheim: Saša Stanišic liest am Mittwoch, 27. November, im Ballhaus. Und wir unterhielten uns zuvor mit ihm. Über die Magie des Vorlesens, Lesereisen des Hasses und –- in der Diskussion über den Literaturnobelpreis an Peter Handke – das Gebot der Wahrhaftigkeit auch in der Fiktion.
Wie dick ist Ihr Notizbuch? Formulierungen wie „die Fliegen tranken von unserem Haar“ begegnen einem doch eher zufällig und nicht zuverlässig dann, wenn man sie braucht…
Ich habe tatsächlich kein Notizbuch. Es gibt so viele Ideen von Schriftstellern und was die so machen, welche Utensilien sie gebrauchen, inklusive Alkohol, wie einsam sie sind, gegen Schreibblockaden kämpfen und bis in die Nacht über ihren Texten sitzen. Und vielleicht gibt es ja tatsächlich noch solche. Ich verlasse mich auf den Einfall im Augenblick des Schreibens. Und ab und an nehme ich einen Gedanken auf mit meinem Smartphone.
Sie haben höchstpersönlich „Herkunft“ als Hörbuch eingelesen. Ist das gesprochene Wort für Sie Ursprung der Literatur?
Ich liebe das jedenfalls sehr. Das Vorlesen interpretiert den Text mit. Und diese zusätzliche Interpretation ist für mich als Autor extrem wichtig in der indirekten Kommunikation mit den Lesern. Dass ich ihnen also eine Lesart meines Textes anbiete, aus der Sie beispielsweise den Humor leichter erkennen können, meinen Betonungen folgen, wenn sie möchten, und überhaupt meine eigene Lese-Atmosphäre zum Text zusätzlich bekommen.
Sie schreiben von der „Erzählstimme Titos“, von Izetbegovic, Milosevic und Tudjman, ihren Anleitungen zum Völkerhass und ihrer „ langen Lesereise“. Das ist Ihre Erfahrung mit einem Land, das es nicht mehr gibt. Dennoch klingt es wie ein Bericht aus der Gegenwart…
Vieles, von dem, was ich in Jugoslawiens letzten Atemzügen erlebt habe, wiederholt sich heute in Europa, dort, wo die rechten Kräfte an Kraft zunehmen. Strategiepapiere, etwa der AfD, offenbaren ähnliche geplante Vorgehensweisen, wie sie in Jugoslawien von den nationalistischen Parteien praktisch unternommen wurden: Unterwanderung der Medien und Verwaltungsapparate, Einbringen eigener Leute an wichtigen Positionen, dazu ständiges Provozieren, Verbreiten von Falschmeldungen und natürlich das Wiederholen von gleichzeitig Opfererzählungen und Heldengeschichten.
Man muss wach bleiben. Ich befürchte zwar nicht, dass in Deutschland eine Machtergreifung Ultrarechts ansteht. Dafür ist das System zu stabil. Man sieht aber auch, wie sich ein Land (zurück-)entwickelt, wenn die dann wirklich irgendwo regieren – Ungarn ist das beste Beispiel.
Sie schreiben über Schicksale normaler Menschen, über die Wechselfälle, die über Herkunft bestimmen. Ist der Zufall Ihr Hauptthema?
Nicht wirklich – ich habe einfach beim Schreiben und Recherchieren festgestellt, dass der Zufall prägend war für viele neuralgischere Punkte in meiner Biografie. Etwa, bei welchem Sachbearbeiter in der Ausländerbehörde meine Familie gelandet war (einem guten), oder in welcher sozialen Umgebung wir als Flüchtlinge leben durften (ebenfalls einer ganz guten). Also schrieb ich auch über den Zufall. Vielleicht mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass die Verbissenheit, mit der wir ständig um Deutungshoheit unserer Leben kämpfen, viel kleiner wären, wenn man akzeptieren würde, dass vieles, was uns geschieht, von zufälligen Menschen und Orten und Begebenheiten abhängig ist. Macht das Leben nicht besser, aber man kann dann eben sagen: Und jetzt nehme ich all das in die eigene Hand, was ich kontrollieren kann.
Sie wurden, Gratulation, mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet. Kurz danach kritisierten Sie die Vergabe des Nobelpreises an Peter Handke. „Das soll Literatur eigentlich nicht“, sagten Sie und meinten Lüge und Verschweigen. Nun ist doch aber Literatur zumindest auch das – Erfindung. Wo ist die Grenze?
Der Anstand ist die Grenze. Wahrhaftiger Umgang mit historischen Tatsachen ist die Grenze. Respekt vor Opfern der Verbrechen. Propaganda in poetische Bilder verkleiden ist die Grenze. Tendenziöse Fragerei, die dem Leser aber Objektivität vorgaukeln möchte. Faulheit in Recherchedingen radikaler Ereignisse.
Und ja, auch dann, wenn Literatur von Drachen erzählt und von lila gefärbten Haaren, die niemals lila gefärbt waren, hat sie eine Mindestverpflichtung gegenüber der Wirklichkeit, die mal mehr, mal weniger in literarische Texte hineinwirkt. Diese Verpflichtung lässt sich am besten mit der Frage erforschen: „Warum tut der Autor das?“
Was ist dann ein Autor?
Als Autor ist man eine Art Kurator von Wirklichkeit, kann also jederzeit entscheiden, in welchem Grad man diese ändert, in welchem Grad hinzuerfunden wird, in welchem Grad ausgelassen, weggelassen. Das Schöne an Literatur ist, dass all das geht und selbstverständlich auch gemacht wird.
Jetzt aber kommt die Schwere der Erfindung, also das, was erfunden wird. Sagen wir, es gibt einen Käse, der in einem Text angeschnitten ist, der in Wirklichkeit aber nie angeschnitten wurde. Dann hat der Autor sich eben entschieden, eine Scheibe Käse zu beschreiben und sie in seiner Text-Wirklichkeit angeschnitten zu haben. Nicht weiter schlimm. Eine andere Sache ist es aber, zu bezweifeln, dass in einem Fluss Leichen liegen, nachdem die Leichen aus dem Fluss geholt wurden oder in Frage stellen zu wollen, dass in einem Haus 59 Menschen bei lebendigem Leib angezündet worden sind, obwohl die Täter bereits bekannt sind und gesucht werden und bald auch gefunden und verurteilt.
Der Anstand ist die Grenze. Die poetische Wahrheit ist niemals der eigentlichen Wahrheit des Geschehenen überlegen.
Interview: Michael Weiser