„Ich komme mir vor wie ‘ne Band“

von Redaktion

Erfolgsautor Saša Stanišic liest im Ballhaus aus seinem neuesten Buch

Rosenheim – Der Rosenheimer Buchhandlung „bücher johann“ ist es zu verdanken, dass der Träger des deutschen Buchpreises, Saša Stanišic, im Rosenheimer Ballhaus eine Lesung aus seinem autobiografischen Buch „Herkunft“ veranstalten konnte.

Kleinster Buchladen
mit größter Lesung

Nicht ohne Stolz erzählte Johann Struck, von dessen Schultern zu Beginn sein kleiner Sohn ins Publikum grüßte, wie er nach einem erfolglosen Berufsstart als Fahrradkurier seinen Buchladen gegründet hat.

Inspiriert von einer Lesung im Urlaub auf Borkum habe er „als kleinster Buchladen mal die größte Lesung“ machen wollen. Am letzten Tag der ersten Rosenheimer Literaturtage ist ihm das mit dem Autor Saša Stanišic glanzvoll gelungen. Das Ballhaus war bis auf den letzten Platz besetzt. „In vielerlei Hinsicht ist das für mich ein besonderer Tag“, freute sich Saša Stanišic und dankte für den stürmischen Applaus. Nicht nur sein Onkel aus Salzburg, der ihm Angeln und Tischtennis beigebracht habe, sei mit Familie angereist, sondern auch der halbe Verlag. Stanišic besitzt einen jungenhaften Charme, eine entwaffnende Offenheit, einen Witz und eine Selbstironie, die das Publikum augenblicklich gefangen nahm. Eineinhalb Stunden lang präsentierte der smarte Literat mit kabarettistischem Talent zahlreiche Episoden aus seinem Leben. Geboren 1978 in Visegrad, einer Kleinstadt in Bosnien, flüchtete er mit seinen Eltern während des Bosnienkriegs 1992 nach Deutschland und studierte nach dem Abitur in Heidelberg Deutsch und Slawistik. Bereits während des Studiums begann er dann literarische Texte zu schreiben.

Kunstvolle Collage
aus Erinnerungen

Das Buch „Herkunft“ ist eine kunstvolle Collage aus Erinnerungen an seine Kindheit in Jugoslawien, aus Porträts seiner Verwandten, aus fantasievollen Erfindungen, absurden Erlebnissen und witzigen Selbstbetrachtungen. Skurril war bereits die erste Episode, in der Saša am „Tag der Jugend“ stolz, aber ängstlich, ihm könne ein Missgeschick passieren, die Stafette tragen muss, in der acht rote Punkte das Blut der Völker Jugoslawiens symbolisieren. Später stellte sich heraus, dass er gar nicht die Originalstafette getragen hatte. Im Kapitel „Spiel, ich und Krieg“ beschreibt er witzig, wie er einmal von seiner Englischlehrerin nach Hause eingeladen wird. Er trinkt den ersten schwarzen Tee seines Lebens und kommt sich dabei irrsinnig erwachsen vor, tut aber so, als tränke er ihn seit Jahren und erklärt wie ein Experte: „Ich mag es, wenn er nicht so richtig schwarz ist.“ Der junge Saša, damals ein Fan des Fußballvereins „Roter Stern Belgrad“, ist stolz auf seinen rot-weißen Schal und hat eine Großmutter, die ihm aus Nierenbohnen die Zukunft liest. „Sie warf die Bohnen, und die Bohnen warfen Bilder eines noch ungelebten Lebens auf den Teppich“, erklärte Stanišic. Ihre Prophezeiung, eine ältere Frau würde sich in ihn verlieben, oder er würde alle Zähne verlieren, sorgte im Publikum für Heiterkeit. Die Nierenbohnen hätten da eine gewisse Unschärfe gezeigt, so der Autor trocken.

Und zum Schluss
eine Liebeserklärung

Er sprach nicht nur rasch und lebhaft, sondern ergänzte seine Geschichten stets ausdrucksstark mit Gesten und Gebärden. Manchmal musste er über eine gut gesetzte Pointe selber lachen, etwa dann, als man ihn auf einer Party falsch versteht und glaubt, er sei ein Austauschschüler aus Boston, obwohl er ein Bosnier mit befristeter Aufenthaltserlaubnis in Deutschland war. Leicht und spielerisch wechselte Stanišic von einer Geschichte zur nächsten. Das Publikum, das nicht genug davon bekommen konnte, beruhigte er: „Wir sind gut in der Zeit. Wir haben noch dreieinhalb Stunden.“ Nachdem das Publikum die letzte Geschichte „Das fotorealistische Gemälde“ begeistert beklatscht hatte, rollte sein Verlag auf der Bühne ein Transparent aus mit der Aufschrift „Saša, wir lieben dich“. Saša, der natürlich noch eine Zugabe extra las, war vom erneut aufbrandenden Jubel im Saal sichtlich gerührt: „Ich komme mir vor wie ´ne Band.“

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