Rosenheim – Wenn Max Raabe und sein Palastorchester einladen, dann ist das auch fürs Publikum „der perfekte Tag, um glücklich zu sein“. So auch im Kuko in Rosenheim. Denn diese Licht-Erscheinung im Frack, die sich mit stoischer Haltung einem frivolen und doch durchaus stilvollem Song-Gut widmet, lässt alle hektische Realität außen vor und zaubert eine poetische Wirklichkeit auf die Bühne, die jeden mitnimmt in eine beswingte Welt, in der Männer zumindest nach außen hin noch Gentlemen waren.
Der galante Mann
geduldet sich bis Mai
In seinen Liedern aus den 20er- und 30er-Jahren geht es nie darum, schnell zur Sache zu kommen. Im Gegenteil: Der Gentleman nimmt sich ruhig Zeit bis zum nächsten Mai, wenn das Herz der Angebeteten mal wieder frei sein sollte. Das Warten erhöht die Spannung. Kein One-Night-Stand also, sondern eine gepflegte Beziehung auf Gegenseitigkeit.
Und damit erklärt sich auch die Faszination, die Max Raabe und sein Palastorchester ausüben, die ganz im Gegensatz zu den üblichen bombastischen Bühnenshows stehen, die mit Kunstnebel, Pyrotechnik und Lasershows gigantische Visionen in die Arenen wuchten.
Max Raabe hebt den ganzen Abend nicht einmal die Hand, um seinen Vortrag zu unterstreichen. Er lenkt mit nichts ab von der Fantasie, die sich unweigerlich einstellt und die Türe öffnet zu einer romantischen Welt, in der es um Liebe geht und nicht um Sex (der natürlich auch dazugehört). Aber ein Kuss auf rote Lippen ist da bereits eine Offenbarung – und von Weiterem schweigt des Sängers Höflichkeit. Mit so einem Gentleman hat man keine Affäre, sondern eine Romanze und braucht auch nicht zu bangen, ob nicht ein Pornofilm der gemeinsamen Nacht auf YouTube auftaucht. Insofern war die gute alte Zeit wirklich gut.
Die Lady ist kein
Schätzchen – ein Star
Für den galanten Mann steht die Wertschätzung der Partnerin im Mittelpunkt. Die Lady ist kein Schätzchen, sondern wird behandelt wie ein Star, wie Greta Garbo. Mag sein, dass es bei der Geschlechtertrennung von damals ausgeht wie bei der Mülltrennung heute: am Ende landet alles auf einem Haufen. Der Unterschied liegt im Weg dahin. Und Max Raabe bringt die geheime Sehnsucht nach Eleganz und Nonchalance in den Köpfen seines Publikums zum Vorschein.
Dass er die „Rs“ eine wenig in UFA-Film-Manier rollt und mühelos in die Kopfstimme wechselt, wirkt bei Max Raabe ganz natürlich, schließlich entführt er in eine andere Welt, die es gar erlaubt, an echte Liebe zu denken. Wenn er zu schlichten, volksliedhaften, beinahe sakralen Tönen davon singt, dass die Angebetete bei ihm bleiben möchte, auch wenn er graue Haare hat, dann wird es richtig still im Saal.
Palast-Orchester setzt
sich virtuos in Szene
Exquisite Musik-Arrangements erlauben es jedem Mitglied des Palastorchesters, sich so richtig virtuos in Szene zu setzen: das Spotlight richtet sich auf sie, und Max Raabe tritt dabei in den dunklen Hintergrund, lehnt sich lässig, aber natürlich mit Haltung an den Flügel. Die Musik und die Liedtexte dürfen die Hauptrolle spielen, Harmonien und der Continental-Rhythmus übernehmen. Und Max Raabe ist der perfekte Meister des Ganzen, der ohne mit der Wimper zu zucken durchaus auch ironische Töne anschlägt und staubtrockene Einleitungen in die zu erwartenden Songs vorträgt.
Was für eine durch
und durch coole Socke
Es dürfte keine coolere Socke geben als ihn, der vorträgt, wie man richtig chillt: nämlich einfach nur zu liegen, den Kühlschrank auf und zu zu machen – und weiter nichts. Vielleicht noch mit offenen Augen träumen. Zum Beispiel davon, dass man ein Huhn sei, außer Eierlegen nicht viel zu tun hätte, zwar dämlich sei – aber froh.
Und diese charmante Frohgemutheit zieht sich durch den ganzen Abend, singt melancholisch bei Mondschein, wartet auf Hawaii, singt im Regen und schaukelt bei Salome mit der Karawane. Da macht es dann gar nichts, wenn im Song der perfekte Moment verpennt wird. Den perfekten Abend hat das Publikum auf jeden Fall. Es war – wie nicht anders zu erwarten – hellauf begeistert und vor allem guter Laune auf dem Nachhauseweg.