„HörAusforderungen“ im Stadel

von Redaktion

Das Trio „Super Jazz Sandwich“ präsentiert seine Interpretation des Enneagramms

Prien – Musikalische Umsetzungen von Motiven anderer Künste können generell sehr reizvoll sein – eines der Musterbeispiele dieser Programmmusik war der Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgski, der sich später in der rockigen Interpretation von Emerson, Lake und Palmer niederschlug. Was kommt heraus, wenn sich ein Jazz-Trio ein Grundlagenbuch aus Psychologie und Esoterik zur Deutung auswählt und dessen Inhalte interpretiert?

Angsterfüllte Schreie
als Stilmittel

Mit dieser spannenden Ausgangshaltung ging es zum Konzert der Reihe „Jazz am Roseneck“, veranstaltet vom Priener „Salon 21“ im Stadel des Architektenehepaars Hirner am Herrenberg. Das Trio „Super Jazz Sandwich“ aus dem Ruhrpott, bestehend aus Flavio Zannuttini an der Trompete, Florian Walter am Saxofon und Schlagzeuger Simon Cammatta, hatte sich das Thema gewählt. Das Konzept des Enneagramms, dessen Wurzeln auf die Antike zurückgehen, sieht nach moderner Deutung eine menschliche Typenlehre aus neun Charakteren vor. Und da es sich um ein Trio handelte, nahm sich jeder der Musiker auf seine Weise drei verschiedene Charaktertypen vor für seine Komposition. Vielversprechend ging es auch los, mit satten Bläsereinsätzen nach reizvollem Drums-Intro, in der Umsetzung des Charakters „The Challenger“. Im Kontrast dazu „Der Ängstliche“, hierzu setzten die drei Jazzer zu bruchstückhaften Sequenzen angsterfüllte Schreie als Stilmittel ein, was für Schmunzeln beim Publikum sorgte. Die Experimentierfreudigkeit der Auftaktstücke mündete in Simon Camattas Komposition „The Helper“, das einzige an herkömmliche Jazz-Strukturen angelehnte Stück des Auftritts und von hoher Qualität im Zusammenspiel, im Up-tempo und boppigen, knackigen Bläsereinsätzen.

Das Folgestück „Der Faule“ fiel im Niveau jedoch stark ab und erinnerte in arg plakativer Lautmalerei eher an den „Karneval der Tiere“. Mehr für Verwirrung als für Struktur beim ohnehin sehr ambitionierten Vorhaben sorgte der Einsatz von Spielkarten, Farbkarten und Fußklingeln in der Folge, was durch die humorvolle, aber hektische Moderation von Saxofonist Florian Walter auch nicht transparenter wurde. Die Jazzer verfielen mit der Dauer des Auftritts einer eigenen, kryptischen und sehr bruchstückhaften Klangwelt mit nur angerissenen, aber nicht durchgehaltenen und arg verhackstückten Sequenzen, sodass der Auftritt zur echten „Hörausforderung“ wurde. Ob man menschliche Charaktere oder Typen derart disharmonisch und freejazzig ohne eigentliches „Musizieren“ interpretieren muss?

Für manche Hörer mag das seinen eigenen Reiz versprüht haben, aber wie man am erleichterten Höflichkeitsapplaus merkte, wünschten sich viele Besucher nach den intellektuell im Ansatz interessanten, aber auf der emotionalen Ebene neutralen Klangexperimenten wohl einen „klassischen“ Jazz-Auftritt mit Themen und Strukturen herbei. Andreas Friedrich

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