Musils Sprache zum Swingen gebracht

von Redaktion

Feuilletonistisches Konzert mit dem „Mann ohne Eigenschaften“ – Folge acht

Rosenheim – Wie bei einem komplizierten Organismus, dessen Bestandteile Wissenschaftler einzeln unter die Lupe nehmen, so verhält es sich mit Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“, den Valerie Kindl und Dominik Frank mit ihrem Projekt „Regie als Faktor“ in mehreren Folgen in der Vetternwirtschaft szenisch umsetzten.

Links Schlagzeuger, rechts Sängerin

In der mittlerweile achten Folge verwandelten sie die Bühne in einen Jazz-Club, um die kunstvolle Sprache Musils musikalisch in einem philosophisch-feuilletonistischen Konzert für die Gegenwart zu inszenieren:

Links agierte der Schlagzeuger David Roesner, rechts las und sang Johanna Weiske aus jenen Kapiteln, die so gut wie keine Handlung im eigentlichen Sinne aufzuweisen haben, sondern Reflexionen sowie inter- und intratextuelle Bezüge zu anderen Textstellen beinhalten. Es sind jene Passagen, die die Handlung philosophisch auf einer höheren Ebene kommentieren und als essayistisch bezeichnet werden können.

So erlebten die aufmerksamen Zuhörer Sprache einmal ganz anders und erfuhren, dass besonders die Prosa Robert Musils von sich aus schon rhythmisch ist, was Roesner am Schlagzeug betonte. Aus den Kapiteln 60 bis 62 akzentuierte er Schlüsselbegriffe und wichtige Passagen, unterlegte Textteile mit Rhythmen und brachte die Sprache Musils bisweilen zum Swingen, während Johanna Weiske mit klarer Artikulation und schauspielerischem Talent die Textpartitur lebendig gestaltete.

Zunächst machten die beiden Vortragskünstler einen ethischen „Ausflug ins logisch-sittliche Reich“, indem sie am Beispiel des Lustmörders Moosbrugger mit Rückblenden und Querverweisen von der Unerreichbarkeit des „exakten Lebens“ philosophierten und dabei auch die Problematik der Todesstrafe erörterten. Sie steigerten ihren Vortrag bis zum expressionistischen Aufschrei beim „exakten Menschen“, nachdem sie dazwischen als „Rückblende in der Rückblende“ eigene Gstanzln mit witzigen Bezügen zur Vetternwirtschaft eingefügt hatten.

Schließlich ging es um die Gattung des Essays selbst, genauer gesagt um die „Utopie des Essayismus“, welche die Vortragenden den im vierten Kapitel reflektierten Geistesoptionen „Wirklichkeits- und Möglichkeitssinn“ als dritte Größe hinzufügten. Die Gedanken über den Essay an sich mündeten in die Definition: „Ein Essay ist die einmalige und unabänderliche Gestalt, die das innere Leben eines Menschen in einem entscheidenden Gedanken annimmt.“

These: Philosophen

als Gewalttäter?

Dabei kam der Protagonist Ulrich ins Spiel, der kein Philosoph sei, denn die Philosophen seien Gewalttäter, die die Welt in ein System sperrten. Aus lauter Exaktheit habe Ulrich „jahrelang bloß gegen sich selbst gelebt“.

Der rhythmisch wie melodisch kontrastreich gestaltete Abend endete mit einem geistigen Cliffhanger am Schluss des 62. Kapitels, indem Ulrich in der ungeheuerlichen Dunkelheit der Nacht an die Gestalt Moosbruggers erinnert wurde und bei der Rückkehr in sein Haus „etwas ganz anderes für ihn aufbewahrt war“, das aber nicht verraten wurde – vielleicht kommt dies bei der nächsten Folge am 22. März 2020 in der Vetternwirtschaft ans Licht.

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