Wasserburg – Da Kini sitzt da, in seinem Kapuzenpulli, schlürft sein Haferl Cappuccino und sagt, „ich bin froh, dass die Monarchie vorbei ist, die wird im Nachhinein eh bloß glorifiziert. Außerdem ging es dem einfachen Volk da auch nicht so prächtig. Und dann dieser Wagner mit seinem unsäglichen Judenhass.“
Theatermacher und Schauspieler Jörg Herwegh, der derzeit in seinem Mysterienspiel „Da Kini-Schiaßer“ (wir berichteten) ein neues Märchen über den Märchenkönig zu erzählen hat, trägt einen getrimmten Schnurr-Spitz-Bart. Für sein aktuelles Stück. Wenn man diesen Mann ein paar Monate nicht gesehen hat, erkennt man ihn nicht wieder.
„Ich mag eigentlich
gar keinen Bart“
Im Sommer noch war er mit grauem Haar und Brandner-Vollbart unterwegs. „Dabei mag ich eigentlich gar keinen Bart“, lacht er. Von einer Leidenschaft für den Kini oder das 19. Jahrhundert isoliert betrachtet, könne keine Rede sein. Mit bayerischem Königspatriotismus könne der Mann, der hinter dem „Theater Herwegh“ steht, ohnehin nichts anfangen.
Vielmehr fasziniert es ihn, in der Geschichte nach leisen Zwischentönen, nach neuen Forschungsergebnissen und nach Zusammenhängen zu suchen. So saugt er die Facetten seiner Rollen in sich auf.
Die Ära Ludwig II. sei eine spannende Zeit – nicht zuletzt, weil sie so missverständlich war. Und auch die Person so missverstanden wurde. „Mich interessiert immer der Mensch.“ So beschäftigte sich Herwegh mit der schwierigen Vater-Sohn Beziehung zwischen König Max II., der durch seinen Buben eher hindurch sah, dem schwärmerischen, idealistischen Spross kaum Beachtung schenkte. „Ludwig II. hatte keine einfache Kindheit.“
Die großen Zusammenhänge in der deutschen Geschichte fesseln ihn. Tragisch aus heutiger Sicht sei, dass liberale Errungenschaften des Bayerischen Königreichs durch die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 sich in nationalistischem, antisemitischem und intolerantem Reichswahn auflösten. Der verheerende Erste Weltkrieg sei fast die logische Folge gewesen.
Der Wittelsbacher Ludwig II. war glühender Wagnerianer und riskierte für den Lieblingskomponisten den finanziellen und politischen Ruin – doch Wagners Antisemitismus lehnte der Monarch als „unköniglich“ ab. „Er war zwar streng katholisch, aber religionstolerant“, sagt der Kini-Darsteller im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Darum steht Mitten in München seit 1882 die Hauptsynagoge gegenüber der Maxburg. Ludwig II. stellte den Juden das Grundstück zur Verfügung.
Der rassistische Antisemitismus, der in Europa Ende des 19. Jahrhunderts aufkeimte, ebnete den Weg für den staatlich diktierten Terror in der NS-Zeit, der schließlich im Völkermord, der Shoa, endete. „Wenn was nicht läuft, ist so ein Sündenbock doch eine feine Sache“, sagt Jörg Herwegh mit leisem Sarkasmus über das seiner Meinung nach „dümmste Vorurteil der Gesellschaftsgeschichte seit vielen Jahrhunderten“: Die Juden sind an allem schuld.
Für sein nächstes Sommerstück, das im Juli 2020 nach der Fußball-EM im frisch renovierten Haager Schlosshof stattfinden soll, hat sich der 58-Jährige für Shakespeares „Sommernachtstraum“ entschieden. Ein bisschen was mit Leichtigkeit. „Eine schöne Sommerunterhaltung. Natürlich auf Bairisch.“ Laut Herwegh „wird es keinen Theatermenschen geben, der Shakespeare nicht mag. Seine Stücke sind so reich an Möglichkeiten“. Das Werk aus dem 16. Jahrhundert, das im antiken Athen spielt, versetzt Herwegh ins Bayern des 18. Jahrhunderts. „Als die Monarchie noch absolut war. Ich brauche dazu die herzögliche Herrschaft, die bestimmen darf, ob die jungen Leute heiraten dürfen. Die Standesunterschiede, die Shakespeare so gut herausarbeitet, lassen sich auch wunderbar mit elegantem Altbairisch und der gegensätzlichen etwas einfachen, derben Mundart darstellen.“
Der Stoff wird komprimiert, die Szenen filmisch gegeneinander geschnitten und das Versmaß und die Tonmelodie der natürlichen Sprache der rund 20 Laien-Darsteller angepasst.
Herwegh tanzt auf vielen Hochzeiten. Im Moment ist er auch noch mit seinem Tourneetheater und mit „Tod auf dem Nil“ in ganz Deutschland unterwegs und schreibt eine Auftragsarbeit: ein Stück über den englischen Staatsmann Thomas Morus, der unter Heinrich VIII. hingerichtet wurde.
Bis ein Stück entsteht, von der Idee bis zur Aufführung, ist das kein linearer Prozess. Immer wieder nimmt er seine Notizen zur Hand und legt sie auch wieder weg. „Sonst verrennst du dich. Mit dem Kini-Schiaßer hab ich sehr gerungen, weil er lange nicht das wurde, was ich wollte. Das ist für die Schauspieler manchmal schwierig“, sieht er ein.
Die künstlerische Freiheit, Theater so zu machen und zu spielen, wie er sich das einbildet, bedeutet dem gebürtigen Hamburger, der bei Maxlrain aufgewachsen ist, viel. „Ich muss keinem Subventionsgeber Rechenschaft ablegen, auch wenn eine Förderung natürlich schön wäre“, sagt er augenzwinkernd über den „unschätzbaren Zustand“, von dieser freischaffenden Tätigkeit leben zu können.
Dass es nach dem Abi nicht mit dem Filmregisseur-Werdegang geklappt hat, er aber auch kein Lehrer werden wollte, wie sich das seine Eltern ausgedacht hatten, hielt ihn nicht auf. Er machte eine Ausbildung zum Physiotherapeuten und Masseur und „nahm einen verqueren Weg zum Theater. Ich spielte semi-professionell nebenbei, verlor aber nie mein Ziel aus den Augen“.
Wertvolles als
Regieassistent gelernt
Als Regieassistent beim dänischen Regisseur Helge Reinhardt, dem er zunächst den Kaffee holte, lernte Herwegh Wertvolles über Licht, Inszenierung und beispielsweise Timing in der Dramaturgie. „Der hat mir viel beigebracht.“
Nur nicht, wie man als Produzent, der das finanzielle Risiko trägt, gute Nerven behält, wenn einem das Wetter die Open-Air-Termine verhagelt, wie heuer im Sommer beim Brandner Kaspar in Edling „Am Stoa“.
Bleibt also zu hoffen, dass die deutschen Fußballer bei der EM 2020 für ein neues Sommermärchen sorgen und Herweghs Shakespeare-Set im Juli am Haager Schlossturm ein regenfreier Sommernachtstraum wird.