Von Biddlah Buh bis hin zum sehnsuchtsvollen Ruf nach Emmanuel

von Redaktion

Die „Singphoniker“ begeistern durch beeindruckende Vielfalt beim Festivo-Winterkonzert bei Schattdecor in Rohrdorf

Rohrdorf – Was haben Weihnachten und die Eskapaden eines Frauenmörders gemeinsam? Eigentlich gar nichts. Es sei denn, die Festtage verlaufen nicht ganz so friedlich wie gemeinhin gewollt. Oder man sitzt in einem Konzert der „Singphoniker“. In diesem Fall kann es passieren, dass nach einem besinnlichen deutschen Weihnachtslied die makabre „Moritat des Biddlah Buh“ von Georg Kreisler erklingt. Das Vokalsextett aus München springt eben mühelos zwischen Epochen, Stilen und Genres.

Genau dies ist das Markenzeichen der sechs Herren. Beim Jahresausklang des Aschauer Kammermusik-Festivals „Festivo“ brachten sie damit den „Großen Saal“ von Schattdecor in Thansau bei Rohrdorf buchstäblich zum Kochen. Großer Saal? Dahinter verbirgt sich eine Lagerhalle, die zur Weihnachtszeit stilvoll und festlich geschmückt wird. Und das Vokalsextett ist streng genommen ein Vokalquintett, weil Berno Scharpf nur Klavier spielt.

In der Mehrzahl der Stücke begleitete er Johannes Euler (Countertenor), die Tenöre Daniel Schreiber und Henning Jensen sowie Michael Mantaj (Bassbariton) und Christian Schmidt (Bass). Für sie gibt es keinen Stil, den sie nicht beherrschen. Berührungsängste kennen sie nicht. Auch deswegen werden sie gerne als „deutsche Antwort auf die englischen King’s Singers“ gehandelt. Im Rahmen des Festivo-Winterkonzerts bei Schattdecor präsentierten sie ein zweigeteiltes Programm.

Die erste Hälfte ließ die Weihnachtszeit Revue passieren. Neben „Es ist ein Ros‘ entsprungen“ ging das Ensemble auch auf interkulturelle Wanderschaft. Aus Österreich erklang „Es wird scho gleich dumpa“. In den 1970er-Jahren hat die Pop-Gruppe „Boney M.“ diese Weise weltweit berühmt gemacht. Mit „La notte di Santo Natale“ von Gioacchino Rossini ging es südwärts der Alpen. Generell war viel Kunstmusik vertreten, so etwa das „Hodie Christus natus est“ von Francis Poulenc.

Das Original ist ein Antiphon aus der mittelalterlichen Weihnachtsvesper. Poulenc hat es 1952 im Madrigal-Stil verarbeitet, als Teil seiner „Quatre Motets pour le Temps de Noël“. Von Zoltán Kodály aus Ungarn stammt hingegen eine Bearbeitung des Antiphons „Veni, veni Emmanuel“. Auch die „King’s Singers“ aus England oder die „Octavians“ aus Ostdeutschland singen das gerne. Nach der Pause wurde es lockerer und makabrer. Der schwarze Humor Kreislers stand hier besonders im Fokus.

Flucht vor
den Nazis

Als Jude musste der 2011 verstorbene Wiener Kabarettist vor den Nazis in die USA fliehen. Dort arbeitete er für Charlie Chaplin. In Amerika hat Kreisler seine ersten „Brettl-Lieder“ geschrieben: auf Englisch. Darunter ist auch das pechschwarze „Please, shoot your husband“. Dieses Lied kam in den prüden USA gar nicht gut an. In den 1950ern ging Kreisler nach Wien zurück, wo er fortan auf Deutsch dichtete. Manche Texte scheint er aus Amerika mitgenommen zu haben, darunter „Das Mädchen mit den drei blauen Augen“. Dieses Lied ähnelt verdächtig dem früheren „The Girl with the Three Blue Eyes“ von Abe Burrow. Sonst aber hatten die „Singphoniker“ ihre eigentlichen Vorbilder mit im Gepäck: die legendären „Comedian Harmonists“. In Balladen wie „Creole Love Call“ nach Duke Ellington imitierten sie eine ganze Jazz-Band. Noch mehr Lautmalerei gab es in der Ouvertüre zum Opernhit „Wilhelm Tell“ von Rossini. Das war Unterhaltung vom Feinsten. Umso besser rutscht es sich ins Neue Jahr – hoffentlich. Marco Frei

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