Erl – Zwei Konzerte mit Musik und Wort gab es bei den Tiroler Festspielen Erl: „Die Welt, in der sich noch lohnte, zu leben, war zum Untergang verurteilt“, sagt Graf Choinicky in dem Roman „Radetzkymarsch“ von Joseph Roth, dem hymnischen Grablied auf die k.-und- k.-Monarchie. Der verklärte Untergang war das Hauptthema des Abends mit dem Titel „Wien. Verklärt. Nacht“. Udo Wachtveitl las das Kapitel über „Kakanien“ aus „Der Mann ohne Eigenschaften“ von Robert Musil, einen Auszug aus der „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler und lange Abschnitte aus eben dem „Radetzkymarsch“.
Feierlicher Pomp
an Fronleichnam
Darunter das Kapitel über den Fronleichnamszug in Wien mit seinem „fröhlichen und feierlichen Pomp“, all dem Glanz der bald untergehenden Monarchie und mit dem Auftreten des Kaisers wie eine göttliche Erscheinung. Gleich darauf spielte passgenau das sechsköpfige „Amici Ensemble“ den „Kaiserwalzer“ von Johann Strauß, wie ein fernes Echo des eigentlich gewünschten großen Orchesters, aber schön mit der „verschlampten“ Zwei des Walzertaktes. Vorher gab’s Melodien von Fritz Kreisler: gehobene Schrammelmusik.
Fein und zart erklang das Intermezzo aus dem Streichsextett von Erich Wolfgang Korngold und dann die „Verklärte Nacht“ von Arnold Schönberg in schimmernder Fragilität. Am Ende las Wachtveitl das Ende des „Radetzkymarsches“, als der Kaiser stirbt und gleich darauf der Bezirkshauptmann von Trotta: „Sie konnten beide Österreich nicht überleben“, heißt es im Roman.
Udo Wachtveitl saß entfernt von den Musikern an einem eigenen Pult, er las genau und tiefgründig, sein „Wienerisch“ war für einen Nicht-Österreicher stimmig, für einen Österreicher klang’s eher bairisch.
Bei der nächsten Wort-Text-Veranstaltung am Sonntagvormittag saß die Sprecherin, die Burgschauspielerin Dörte Lyssewski, inmitten der Musiker, atmete mit ihnen, ließ ihre Gedichttexte gleichsam in die Musik hineinfließen. Die Musiker, das waren die zehn Musiker namens „Franui“, die ihren Namen von einer Wiese im osttirolerischen Innervillgraten herleiten. Sie sind seit der Gründung der Tiroler Festspiele Erl dabei, eine feste Größe.
Ihre Spezialität ist das „Verarbeiten“ von klassischer Musik: Hier holten sie romantische Kunstlieder von Franz Schubert, Johannes Brahms und Gustav Mahler gleichsam heim in ihre Volksmusik, die sich – wie sie selber sagen – „zwischen Friedhof und Tanzboden“ abspielt, garniert mit herzzerreißender Trauerbläsermusik, heimeligen Zitherklängen und manchmal dramatisch markiert von der Pauke. Manchmal klingt’s entfernt wie die Musik von Tom Waits. Die unendlich traurige Todesmelodie des Schubert-Liedes „Trockne Blumen“ wandelt sich unmerklich in einen Landler und dann in eine wüst-schnelle Polka, das Schumann-Lied „In der Fremde“ auf ein Gedicht von Eichendorff beginnt wie traulich-traurige Stubnmusi, doch dann tropfen bald die Tränen aus den gestopften Trompeten: zum Weinen schön.
Mit dem Mahler’schen „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ endete die todtraurige Matinee, die auch geprägt war von der Rezitationskunst von Dörte Lyssewski, die die poetischen Kostbarkeiten genüsslich und genussreich präsentierte.