„Meine Bilder haben eine Geschichte“

von Redaktion

Ein Maler aus Leidenschaft: Peter Tomschiczek feiert 80. Geburtstag

Bad Aibling – Es gibt ein recht gutes Bildnis vom Maler als jungen Mann. Ein Regensburger Kollege hat es gefertigt, Peter Tomschiczek sitzt dem Betrachter direkt gegenüber: Den runden Kopf mit den stoppeligen Haaren zwischen die breiten Schultern gezogen, Stirn leicht gerunzelt, wache Augen, die Hände auf die Knie gelegt, es sieht aus, als stehe er gleich auf, um etwas anzufangen. Eine Arbeit, oder auch einen Disput, man weiß es nicht so recht, und das ist auch gut und richtig so. Ein Mensch, genau betrachtet, ist kaum jemals eines ganz bestimmt, sondern meist vieldeutig. Dieser Mensch erst recht.

Ein gutes halbes Jahrhundert später erkennt man Peter Tomschiczek gut wieder in diesem Bild, in seiner Stämmigkeit, mit dem Mutwillen in seinen Augen. Nur dass das Bullige gewichen ist. Spricht man mit Peter Tomschiczek in seinem Atelier, umgeben von Staffeleien, Bildern, Fundstücken, Farbtuben und Dosen, dann sitzt man einem hemdsärmeligen Zeitgenossen mit freundlicher Miene gegenüber, der wenig Aufhebens von sich macht.

Zärtlicher
Tadel seiner Frau

Gemütlich pafft er an einer Virginia und lässt den Tadel seiner Frau leicht belustigt über sich ergehen. Kürzlich war ein Fernsehteam da, auch da hat der Maler geraucht, was wird der Arzt sagen, wenn er das im Fernsehen sieht, fragt Ursula Tomschiczek? Tomschiczek schüttelt sich, als kicherte er gleich. „Na ja“, sagt er schließlich, „wenn der Arzt sonst nichts findet, verbietet er eben das Rauchen.“

Mit den Jahren
kommt Gelassenheit

Wenn ein Mensch so viele Jahre hinter sich gebracht, so viele Ausstellungen bestückt, so viele Schüler unterwiesen und so viele Bilder gemalt, verbrannt oder verkauft hat, kurz: wenn sich ein Künstler so viel Renommee erworben hat, dann hat er mit dem Ruf auch Gelassenheit gewonnen. Auf jeden Fall wird auch er selbst zum Gegenstand der Betrachtung.

Wer ist der Mensch hinter den Bildern? Man blättert in Katalogen, liest von seiner Fähigkeit, „plastische Verhältnisse als Grafik sehen und umsetzen zu können, aber in aller Abstraktion die Volumina mittels formatsprengender Farbfelder greifbar zu machen“. Und liest von der Unmöglichkeit, ihn in die Kategorien abstrakt, gegenständlich, ungegenständlich einzuteilen. Weil seine Kunst alles zugleich und irgendwie auch nichts davon ganz sei. Und das alles ist fein beobachtet.

Vielleicht aber kann man auch sagen: Seine Bilder sind gut, weil sie Kraft besitzen, und sie besitzen Kraft, weil sie etwas zu sagen haben. Das Atelier ist sozusagen von leisen Stimmen erfüllt, die lauter werden, wenn die Augen einmal die Bilder ertastet haben, ihre Struktur, den großzügigen Auftrag von Material und Farbe, die Erinnerung an etwas, was war und ist.

„Meine Bilder haben eine Geschichte“, sagt Tomschiczek. Er erzählt die Begebenheit von einem blinden Schuster, dem einzigen Bewohner einer ansonsten verlassenen Ortschaft auf einer Insel vor Kroatiens Küste. Wie er, der Besucher, das Tock Tock des Stocks hörte, mit dem sich der Schuster die Pfade durchs dornige Unterholz, die Macchia, ertastete. Und wie dieser Schuster, des Augenlichts beraubt, seinem Handwerk nachging. Daraus wurde die „Macchiatisch“-Serie.

Tomschiczek sagt aber auch: „Meine Bilder sind autonom.“ Sie müssen also von sich aus etwas mitteilen, ohne den stämmigen Maler als Erklärbär an ihrer Seite. Abstrakter Expressionismus? Ja. Und nein. „Vielleicht ist es abstrakter Expressionismus. Aber es geht doch vor allem um Farbe, Geruch der Landschaft.“

Peter Tomschiczek unterrichtet auch an der Akademie in Kolbermoor, ebenso wie Markus Lüpertz. Er lebt offensichtlich gut. Heißt: In einem schönen, für seine Bedürfnisse ausgebauten Gütlerhof in Ellmosen, den die Tomschiczeks aus dem Verfall retteten, mit eigenem Ateliergebäude.

In Mähren
geboren

Man weiß von Peter Tomschiczek, dem Maler, geboren 1940 in Iglau, Mähren. Angekommen in Oberbayern. Vertreten von der angesehenen Galerie Gerken in Berlin und in vielen Sammlungen. Man hört nicht ganz so oft von der Frau, die er als ganz junger Mann kennenlernte. Sie war es, die dem Folgenden den Weg bereitete. Er hatte sie an der Kunstschule in Würzburg kennengelernt. Als sie nach Erlangen auf die Schwesternschule ging, reiste er irgendwann nach. Und es ergab sich die Möglichkeit, eine Ausbildung an der Akademie in Nürnberg anzugehen. Er wurde angenommen, „als Jüngster“. Der Zufall hatte geholfen, nun konnte Peter Tomschiczek seinen Weg gehen, von Cezanne, den er heute noch bewundert, zu seinem eigenen Ausdruck. Auch weil seine Frau Ursula ihm den Rücken freihielt. Tomschiczek erzählt das ganz und gar nicht beiläufig.

Ab den 70er Jahren haben er und seine Frau von der Malerei leben können, sagt er. Man erahnt, dass es davor manchmal knapp zuging. Irgendwann in dieser Zeit, da er gerade begonnen hatte, nahe Bad Aibling heimisch zu werden, wähnte er sich auf dem Holzweg – und vernichtete eine ganze Serie seiner Bilder. „Da hinten“, er zeigt auf den Garten, „habe ich sie verbrannt.“ Es habe geholfen, er sei weitergekommen, aber: „Es tut mir leid.“ Weil die Bilder Qualität gehabt haben, sagt er. An zwei Bildern malt er in der Regel gleichzeitig, nach vier, fünf Wochen ist die Arbeit abgeschlossen. Wenn es gut geht. Es muss damals viel Arbeit und damit Geld in Rauch aufgegangen sein. Ursula Tomschiczek lächelt fein, als er das erzählt.

Viel erlebt,
viel versäumt?

Den Künstler als jungen Mann haben wir erwähnt. Mit dem Künstler als nicht immer hundertprozentig ernsthaftem, aber sehr respektablem älterem Herrn haben wir gesprochen. Sie reisten, auch öfter nach Afrika, wo er sich vielfach inspirieren ließ, er malte, sie renovierten ein Haus auf einer kroatischen Insel, das der Zweitwohnsitz wurde. So vieles haben die beiden erlebt, so vieles meint er versäumt zu haben. „Wir haben immer gesagt, das machen wir später“, meint er. „An der Ostsee aber, nur zum Beispiel, waren wir noch nie.“

Es scheint, als seien 80 Jahre nie und nimmer genug. Nicht für einen, der immerzu Farbe, Form und Leidenschaft auf Leinwand bannen möchte.

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