Ein Spiegel der Moderne

von Redaktion

Vortrag über Faust II bei der Goethe-Gesellschaft

Rosenheim – Die Dichtung „Faust“ hat Goethe ein Leben lang begleitet. Behandelt der erste Teil in der Gestalt des Gelehrten Faust ein individuelles Tragödienschicksal, so steht der Typus des Faust im zweiten Teil für eine bestimmte Geistes- und Bewusstseinshaltung. Unter dem Titel „Faust II – ein Spiegel der Moderne“ erläuterte der langjährige Präsident der Goethe-Gesellschaft Weimar, Professor Jochen Golz, im Rosenheimer Künstlerhof Bezüge der Dichtung zur Moderne. Golz sprach auf Einladung der Goethe-Gesellschaft. „Goethe wollte, dass der zweite Teil erst nach seinem Tode veröffentlicht wird“, erklärte Golz. In seinem letzten Brief an Wilhelm von Humboldt schrieb der Dichter, verwirrende Lehre zu verwirrendem Handeln walte über die Welt. Für Goethe sei die Welt am Ende seines Lebens laut Golz absurd und konfus.

Verwirrende Lehre,

verwirrendes Handeln

Galt Faust im 19. Jahrhundert als ein Held nordisch-germanischer Prägung, wurde er im Dritten Reich zu einem Übermenschen stilisiert. Für den Marxismus war Faust mit seinem Tatendrang und Unternehmerqualitäten auch ein Verbrecher, dessen humaner Kern sich erst nach Überwindung der bürgerlichen Gesellschaft verwirklichen kann. Heute wird die Faustfigur nicht nur als ein vollendeter Charakter gesehen, sondern als Kritiker der Moderne.

„Goethe hat die Frühmoderne in einer Mischung aus Interesse und Skepsis wahrgenommen“, so Golz. Obgleich er ein Befürworter des Fortschritts gewesen sei, habe den Dichter das Maschinenwesen und die Schnelllebigkeit geängstigt. Die moderne Problematik mache sich im Faust II auch in der Empfehlung Mephistos geltend, der Kaiser solle Papiergeld einführen, das eine Inflation bewirkt und, wie der Narr weise feststellt, allein Sachwerte begünstigt.

Im Kunstwesen „Homunculus“ komme der Schrecken der Moderne ebenso zum Ausdruck wie in der Ermordung von Philemon und Baucis, deren Hütte Fausts Kolonisierungsprojekt im Wege steht. Für Goethe, der die Gewalt abgelehnt und die Tradition stets hoch geschätzt habe, bewege die Natur das Liebesprinzip, das Ordnung in menschlichen Beziehungen schaffe. Golz´ Resümee: „Goethe war kein Utopist, weil er zu sehr Realist war.“ fü

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