Klagegesänge wie Trauerweidenzweige

von Redaktion

„Camerata Vocale“ aus München begeistert viele Zuhörer in der Nikolauskirche

Rosenheim – Der so sympathisch junge Chor „Camerata Vocale“ aus München kam nun schon zum zweiten Mal nach Rosenheim. Vor zwei Jahren sang er im Foyer der Technischen Hochschule, jetzt in der überaus gut gefüllten Nikolauskirche. Der Chor kam, sang und begeisterte die Zuhörer, die immer wieder Zwischenapplaus spendeten, obwohl das Motto, nämlich „Nachtlieder“, eher zum meditativen Zuhören inspirierte.

Ganz in Schwarz gekleidet stellten sich die insgesamt 19 Sänger und Sängerinnen im Kreis auf, und zwar stimmengemischt, also Soprane, Alte, Bässe und Tenöre durcheinander bzw. nebeneinander. Das tat dem Gesamtklang gut: Schon beim einleitenden „Nachtlied“ von Max Reger (1873-1916) konnte man den sattwarmen, wohlausgewogenen Chorklang bewundern, den die tiefen Bassstimmen wohlig grundierten und aus dem die Sopranstimmen bisweilen kraftvoll herausleuchteten. Die Sänger schwangen sich richtig in die hallige Überakustik der Kirche ein und wiegten sich förmlich darin. Sie waren dem eigenen Klang hingegeben und steuerten ihn gleichzeitig. Clayton Boweman dirigierte mit ruhigen und gleichwohl hochsuggestiven Gesten, ließ der Musik Zeit für die Entfaltung und ließ den letzten Septimakkord lange stehen, bis der sich gleichsam aufseufzend auflöste.

Warmer und kraftvoller Klang

Dieser warme und zugleich kraftvolle Chorklang kam auch den drei Gesängen von Johannes Brahms (1833-1897) zugute, sowohl dem „Geistlichen Lied“ als auch „Dem dunkeln Schoß der heiligen Erde“, besonders aber „Darthulas Grabgesang“, in dem vor allem die Frauenstimmen die gestorbene Darthula mit einer emphatischen Schilderung des Frühlings wieder erwecken wollten.

Ergreifend war die Psalmvertonung „An den Wassern zu Babel“ von Arvo Pärt (geboren 1935): Diese textlose Chormusik besteht nur aus Vokalisen mit den Vokalen i, e und o und bietet so, ohne jede konsonantische Reibung, reinen Klang, der zum Klagegesang wird. Die Melismen sind fallartig komponiert wie die herunterhängenden Zweige der Trauerweiden, an die die Juden ihre Harfen hängten. Inbrünstig beschwörend gestaltete der Chor diese reine Klage bis hin zum finalen erschütternden Aufschrei. Er sang auf der Empore, weil die Orgel begleitete – und da hörte man, dass die Sopranstimmen bisweilen leicht detonierten.

An der Orgel saß die koreanische Organistin Sul Bi Yi, die dann auch als Solistin brillierte in „Prélude et Fugue sur le nom d’Alain“ von Maurice Duruflé (1902-1986). Ganz sorgfältig-plastisch arbeitete sie die anfängliche kreiselnd-suchende Unruhe und dann das resignativ-trauernde Fugenthema heraus und brachte alles zum motorisch rauschenden Schluss.

Sul Bi Yi begleitete auch bei den hymnisch-schwärmerischen englischen Chorwerken von Ralph Vaughan Williams (1872-1958), Hubert Parry (1848-1918) und Gerald Finzi (1901-1956), in denen der Chor seine aufblühende und -brandende Klangstärke zeigen konnte.

Den herzlichen und langanhaltenden Applaus beantworteten die Sänger(innen) mit einem „spontanen“ – so der Chorleiter – gewichtigen Chorstück, der achtstimmigen Motette „Richte mich, Gott“ von Felix Mendelssohn Bartholdy: eindrucksvoll flehend und wuchtig preisend. Ein insgesamt beeindruckendes Konzert.

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