Rosenheim – Noch am Vortag spielte der Pianist Christian Gall mit Quadro Nuevo und Canto Sonor im Ballhaus, am nächsten Abend stand er mit seiner Musik als Solist im Fokus und stellte in der Rosenheimer Stadtbibliothek sein Programm vor, überwiegend mit Stücken aus der CD „Room of Silence“. Zugleich war es eine Art Abschiedskonzert für Susanne Breitung, die sich als stellvertretende Bibliotheksleiterin seit vielen Jahren am Salzstadel für das hochkarätige Konzertprogramm engagierte.
Brillanz mit
feinem Spiel
Gall, inzwischen europaweit nicht nur als Begleit-, sondern auch als Solopianist gefragt, zog die Hörer von Beginn an mit feinem Spiel in seinen Bann. Man spürte, wie sehr ihm der Duktus der Stücke, das Auf- und Abschwellen und die gezielt gesetzten Pausen, ein Anliegen sind. Die Musikrichtung seines Spiels ist nicht „typisch Jazz“ sondern genreübergreifend, die Kompositionen durchstrukturiert, die klassische Ausbildung ist deutlich spürbar. In „The Puppeteer“ steigerte Gall nach und nach die Intensität, auf der Basis vieler Wiederholungen variierte er das Grundthema in eine tragische Richtung, setzte auch fröhliche Kontrapunkte. Sehr schön zart und melodisch geriet „Another Lovesong“, mit minimalistischem Intro. Nach und nach schält sich in dem Stück ein zartes Thema heraus, melancholische und freudvolle Passagen wechseln sich ab, dann teils dramatisch und schicksalsschwer. „Mosaik“ entstammt der Zusammenarbeit mit dem Percussionisten Bernhard Schimpelsberger, der sich von langen, mathematisch strukturierten indischen Rhythmen anregen ließ, wie Chris Gall schmunzelnd erläuterte.
Inspiriert von einem „Raum der Stille“ am touristisch-hektischen Brandenburger Tor in Berlin entwickelte sich das wunderbar nostalgische Titelstück der CD „Room of Silence“ – besonders hier nahm man den Reiz des Leisen wahr. Das zweite Set des famosen Konzerts gehörte thematisch einem Brückenschlag zur Gitarre. John Lennons „Julia“ hatte Gall auf Piano umgeschrieben, eine schöne Version. Dynamisch anschwellend präsentierte der aus Bad Aibling stammende Musiker das „Empty pale blue paper“, das mit wuchtigen Klangkaskaden aufbrandete und mit einem Kracher endete. Wunderbar eine Anspielung auf zwei ineinander verwobene Stücke von Miles Davis und Radiohead mit dem Titel „It never entered my mind“.
Variantenreiche Neuinszenierung
War das Publikum schon bisher hingerissen von den Klängen, so setzte Gall noch das grandiose „i-Tüpfelchen“: „Yorke´s Guitar“ als Anspielung auf den Radiohead-Gitarristen birgt ein bezauberndes, förmlich fliegendes Grundthema, das Gall immer wieder variierte und neu inszenierte. Dieses grandiose Stück hat das Potenzial zu einem Klassiker des modernen Pianojazz und findet sich nicht nur auf der 2018 erschienen CD „Room of Silence“, sondern auch auf dem neueren, mit Mulo Francel am Saxofon eingespielten Tonträger „Mythos“.
Frei nach dem Motto „Ich fahr dahin“, einem deutschen Volkslied aus dem 15. Jahrhundert, verabschiedete sich Gall nach einem hochklassigen und mit starkem Applaus gewürdigten Konzert voller Originalität.