Musik für das „Jahr der Ratte“

von Redaktion

Ein exotisches Neujahrskonzert bei den Tiroler Festspielen in Erl

Erl – Bekanntlich feiern die Chinesen Neujahr im späten Januar: Heuer startete am 25. das „Jahr der Ratte“. Anlässlich dieser Feier gastierte das „Hong Kong Chinese Orchestra“ mit einem chinesischen Neujahrskonzert bei den Tiroler Festspielen Erl.

Dicht besetzt war der Konzertsaal mit neugierigen Zuhörern, die visuell und auditiv auf ihre Kosten kamen – und auch handelnd: Jeder hatte eine kleine Handtrommel bekommen, die bei der letzten Zugabe zur Anwendung kam. Da durften die Zuhörer auf Anweisung des Dirigenten mittrommeln: der „Radetzky-Marsch“ auf Chinesisch. Zuvor schon konnten sie bei einem lustigen chinesischen Tanz mitklatschen.

Synthetik statt
Schlangenhaut

Riesig besetzt war das Orchester, die Musiker waren alle in traditionelle chinesische Gewänder gekleidet, vor allem aber erstaunten die für uns exotischen Instrumente: bei den Streichern die zahlreichen verschiedenen Huqin, die chinesischen „Geigen“. Sie haben nur zwei Saiten, werden mit dem Hals nach oben gehalten und gestrichen und haben üblicherweise einen Resonanzboden, der mit einer Schlangenhaut bespannt ist. Das Hong Kong Chinese Orchestra ließ aber verlauten, dass diese Tierhäute durch synthetische Membranen ersetzt wurden. Aufatmen bei den Tierfreunden! Rechts spielten die „Gehus“, die aussahen wie durchlöcherte Celli und Kontrabässe. In der Mitte saßen die zahlreichen Pipas, eine Art chinesische Laute, dahinter die Blasinstrumente: mehrere „Sheng“, eine Art Mundorgeln, die „Suona“, eine Art Oboe, die „Guan“, eine Art Klarinette – und links eine starke Schlagzeugbatterie samt großem Tamtam: Die Chinesen scheinen großen Spaß an krachender Klangentfaltung zu haben. Entsprechend waren die gewaltigen Phonstärken: Schon in den „Trommeln zur Feier eines Ernterekords“ spielten die Schlagzeuger wie entfesselt auf. „Ziemlich folkloristisch“, urteilte die Konzertbegleiterin des Rezensenten. Die folgenden „Erinnerungen“ aus der „Wüstenrauch-Suite“ begannen melancholisch-still, explodierten dann klanglich und mäanderten schließlich melodiös schwelgend wie Breitwand-Filmmusik: „Klingt fast wie ‚Dr. Schiwago‘“, meinte die Konzertbegleiterin. Klangbestimmend waren hier die vielen chinesischen Lauten, die sich fast wie Balalaikas anhörten. Die Pipa wurde solistisch gespielt von Zhang Ying in „König Chu legt seine Rüstung nieder“ nach antiken Melodien. Diese Pipa kann singen, klagen, weinen und jaulen und dient fast als Schlaginstrument. „Eine rostige Rüstung“, kalauerte die Konzertbegleiterin.

Eine „Wäscheleine“
als Klangmittel

Für das Stück „Jing-Q-Shen“ wurde eine Art Wäscheleine aufgespannt, die mit einem Bogen geschlagen wurde – nur einmal, dann wurde die Leine wieder eingesammelt. Die Trompeten kicherten: „Wie Musica viva“, sagte die Konzertbegleiterin. Ein Stück nur für die Huqin waren die „Mondreflexionen auf dem Wasser“ von Hua Yanjun, eine Melodie in unendlichen Wiederholungen.

Der elegante Dirigent Yan Huichang hatte alles im Griff, die Musiker reagierten auf jede Stabbewegung sofort und exakt, beeindruckend war auch die Präzision des Spiels und die herausragende Orchesterdisziplin.

Und hochinteressant war der Einblick in die chinesische Musik: Man lernt nie aus.

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