„Eigentlich bin ich Rock- und Metal-Fan“

von Redaktion

Interview Thomas Reif aus Schloßberg ist ein gefragter Konzertmeister

Stephanskirchen – Thomas Reif ist 1991 in Rosenheim geboren, in Schloßberg aufgewachsen und hat am Ignaz-Günther-Gymnasium Abitur gemacht. Nach einem intensiven Musikstudium mit dem Hauptfach Geige in Salzburg, Hamburg und Berlin wurde er mehrfach international ausgezeichnet. Zuletzt gewann er den Preis des Bundespräsidenten beim Mendelssohn-Hochschulwettbewerb in Berlin, ist aber auch Preisträger der Internationalen Mozart-Wettbewerbe von Salzburg und Augsburg. Er ist gefragter Konzertmeister bei Orchestern (unter anderen: München, Wien). 2018 trat er die Stelle als „1. koordinierter Konzertmeister“ im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks an.

Thomas Reif, erst mal Gratulation zu diesem beruflichen Erfolg! Aber was ist und was macht ein „erster koordinierter Konzertmeister“?

In jedem Orchester sind die Titel der „Orchesterfunktionäre“ etwas anders. Wir sind Konzertmeister der ersten Violinen. „Koordiniert“ heißt es, weil ich mit einem direkten Kollegen eine Einteilung mache, wir koordinieren uns zwischen dem ersten, zweiten und dritten Stuhl, je nachdem wie viele Konzertmeister da sein müssen. Wir haben auch zwei erste Konzertmeister, die wechseln sich ab auf dem ersten Stuhl. Mindestens spielen immer zwei Konzertmeister, ab und zu auch nur einer. In jeder Stimmgruppe sitzen zwei Konzertmeister.

Was machen Sie dann musikalisch?

Wir geben Impulse des Dirigenten weiter, fragen in den Proben nach, wir müssen auch körperlich agieren, mitreißen. Wenn 16 erste Geigen hinter einem sitzen, da hat man schon viel in der Hand, da kann man mitgehen. Manchmal habe ich das Gefühl, da muss ich ein bisschen mithelfen oder mal „cool down“ machen.

Können Sie dies an einem Beispiel erklären?

Wir spielen eine Sinfonie, ich habe das Gefühl, wir Geigen spielen zu laut, dann versuche ich zu zeigen, dass wir leiser spielen sollen. Manche spielen einen Akkord relativ kurz, manche sehr breit, dann wäre es vielleicht meine Aufgabe, dies zu entscheiden – oder ich bespreche das mit dem Dirigenten.

Wie viele Gegenkandidaten hatten Sie? Wie läuft das Auswahlverfahren ab?

Man kann sich bewerben, meist online, die einzelne Stimmgruppe wählt dann aus. Bei mir waren es insgesamt fünf Bewerber. Verlangt ist immer ein Mozart-Violinkonzert und ein romantisches Konzert, Beethoven, Brahms, Sibelius oder Tschaikowsky, und dann ein paar Orchesterstellen, Ausschnitte aus einer Mozart-Sinfonie, ein Konzertmeister-Solo. Für mich war die erste Runde das Mozart-Konzert, in der zweiten Runde war ich tatsächlich schon allein, da hab ich noch Brahms gespielt, alle drei Sätze, alles ganz allein oben mit Klavier, im Herkules-Saal, das Orchester sitzt unten. Dann wird abgestimmt.

Sie kommen aus einer Musikerfamilie: Ihre Mutter Monika Reif ist Musiklehrerin und Leiterin mehrerer Chöre in Rosenheim, Ihr Bruder Christian ist Dirigent, Ihre Schwester Clarissa singt: War es immer schon klar, dass Sie Musiker werden sollen/wollen?

Nein, gar nicht. Ich kann mich noch genau erinnern, als ich das ausgesprochen habe: Ich bin mit zwölf Jahren ans Mozarteum in Salzburg gekommen als Jungstudent. Mein Vater hat mich gefahren und mich dabei gefragt, ob ich das mal professionell machen möchte. Tatsächlich wurde das von meinen Eltern nie forciert, meine Mutter war eher skeptisch. Und da hab ich gesagt: Ja, das kann ich mir schon vorstellen. Ich wusste immer, wenn ich mich umentscheiden will, kann ich das. Bis heute kann ich nicht eine Alternative nennen. Ich kann also nur Geige spielen – andererseits habe ich nie gezweifelt, dass ich das als Job machen will.

Welchen Anteil hat das Ignaz-Günther-Gymnasium an Ihrem musikalischen Werdegang?

Es wurde sehr offen damit umgegangen, dass ich sehr früh meinen Fokus aufs Violinspiel gelegt hatte. Ich hatte auch sehr viele Möglichkeiten, in den Schulorchestern und -konzerten zu spielen. Mit 15 kam ich ins Bundesjugendorchester, das lebt von Arbeitsphasen – dreimal im Jahr zwei bis drei Wochen, irgendwann fiel immer die Schule aus. Aber schulisch hat immer alles geklappt, in Mathe war ich sogar gut. Vor dem Abi war ich doch viel weg, der Lehrer hat mir stets freigegeben, da hat die Schule schon sehr geholfen.

Welche bedeutenden Dirigenten haben Sie schon erlebt und wer ist Ihnen besonders beeindruckend erschienen?

Auf jeden Fall: Simon Rattle! Wagners „Walküre“ konzertant mit ihm war letztes Jahr mein Highlight. Dann Yannick Nézet-Séguin, auch ein fantastischer Dirigent, und dann John Eliot Gardiner.

Welchen lebenden oder toten Geiger halten Sie für den größten?

Leonid Kogan fand ich immer schon fantastisch, da mochte ich einfach den Klang. Sonst: Isabell Faust, Leonidas Kavakos – und die Vilde Frang!

Haben Sie schon eine Wohnung in München oder pendeln Sie?

Zum Glück hab ich sehr schnell eine Wohnung in München gefunden. Ich wollte gerne zentral wohnen. Es ist natürlich eine Preisfrage. Ich wohne mit meiner Freundin, einer freischaffenden Pianistin, in Schwabing.

Was machen Sie, wenn Sie nicht Geige spielen, am liebsten?

Ich treffe gerne Freunde, ich gehe in die Stadt, gerne essen, ich fahre meiner Freundin hinterher, wenn sie Konzerte hat – und ich würde gerne mehr in die Berge gehen.

Welche drei Musikstücke würden Sie auf die berühmte Insel mitnehmen?

Schuberts Streichquintett in C-Dur, das ist fix, alles andere wechselt oft, zurzeit ist es die zweite Symphonie von Mahler. Und „Scenes from a memory“ der progressiven Rockband „Dream Theater“, meine Lieblingsband, seit ich 13 bin. Ich bin ja eigentlich Rock- und Metal-Fan!

Interview: Rainer W. Janka

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