Lamento unterm Fastentuch

von Redaktion

Reihe „Alte Musik in Westerndorf am Wasen“ eröffnet

Rosenheim – Liturgisch richtig ist das Altarbild der Heilig-Kreuz-Kirche in Westerndorf am Wasen mit einem violetten Fastentuch verhüllt. Davor beziehungsweise darunter stehen oder sitzen die fünf Musiker und spielen Barockmusik zur Fastenzeit. Damit eröffnet der Geiger Simon Steinkühler seine Konzertreihe „Alte Musik in Westerndorf am Wasen.“

Schon die Titel der gespielten Sonaten deuten auf die Passionszeit hin: „Al Sepolcro Santo“, also „Zum Heiligen Grab“, ist eine Sonate von Antonio Vivaldi betitelt, „La passione die Gesù Signor nostro“ eine Sinfonia von Antonio Caldara und Heinrich Ignaz Franz Biber widmet eine seiner Rosenkranzsonaten Jesus, „der für uns Blut geschwitzt hat“, beschreibt also musikalisch die Szene am Ölberg, bevor Jesus von den Häschern ergriffen wird, und nennt diese Sonate „Lamento“, also: Klagegesang.

Neben und mit Steinkühler spielten Stefan Kellermann (Violine), Felicitas Speer (Viola), Brigitta Rauschmayer (Gambe) und Markus Hanke am Cembalo. Insgesamt neun Sonaten, Concerti und Sinfonien boten sie. In schmerzlich dunklem Ton gehalten ist die Sonate von Biagio Marini, seine „Passacaglia“ erinnert durch ihre Unerbittlichkeit an Christi Tod, viele Rhythmuswechsel zeigt eine Sonate aus den „Concerti Ecclesiastici“ von Giovanni Paolo Cima und vielgestaltig ist die schon erwähnte Passions-Sonate von Antonio Caldara, die nur anfangs mit schmerzreicher Harmonik, Seufzer-Motivik und nach unten führendem Duktus an die Leiden Christi erinnert. Herausragend ist die Sonate von Vivaldi: Harsch klingend und klagend demonstriert sie, dass Barockmusik eine rhetorische Musik ist, eine redende und sehr beredte Kunst.

Ein ganzer Wald
von Vorzeichen

Die Klage ist symbolisiert durch einen „Wald von Vorzeichen“, wie Steinkühler in seiner Moderation sagt, und durch dissonante Liegetöne, die sich erst spät auflösen: Barockmusik, die ungewohnt modern klingt, vor allem, weil die fünf Musiker die Harschheit des Klanges nicht glätten.

Zu Recht in der Mitte des Programms stand das „Lamento“ aus Bibers Rosenkranzsonate Nr. 6, das Steinkühler alleine nur mit Cembalobegleitung spielte, nicht expressiv, sondern nachdenklich, nachfühlend klagend und damit das Meditative dieser Rosenkranzsonaten unterstreichend.

Vivaldis „Concerto für Viola d’amore“ fiel aus dem Passionsrahmen etwas heraus: Die extra groß geschriebenen Anfangsbuchstaben könnten an eine seiner Lieblingsschülerinnen namens Anna Maria erinnern: Amore in und durch die Musik? Jedenfalls ist es eine ausgesprochen schöne Musik, die Steinkühler mit Wärme und Temperament vortrug. Vor allem der Mittelsatz mit der singenden Viola zu den repetierten Achtel-Akkorden und gezupfter Gambe ist zauberhaft. Rainer W. Janka

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