Gegenwartskunst in Corona-Zeiten

von Redaktion

Große Kunstausstellung im Rathaus und in der Galerie im Ganserhaus

Wasserburg – Zeitgenössische Kunst in bemerkenswerter Qualität und Vielfalt zeigt derzeit der Arbeitskreis 68 in der „Großen Kunstausstellung 2020“. Kunstschaffende aus ganz Deutschland mit unterschiedlichsten künstlerischen Positionen und Arbeitsweisen hatten sich an der Einreichung beteiligt.

Zwei neue Banner und ein ebenso witziger wie imposanter Hase aus Bronzeguss namens „Johnny K. Rotten“ vor dem Rathaus kündigen es an: In Wasserburg ist wieder „Große Kunstausstellung“, wenn auch anders als gewohnt und unter besonderen Bedingungen. Wie alle kulturellen Veranstaltungen steht auch die 53. Jahresausstellung im Zeichen der Corona-Pandemie: Abstand halten, Maskenpflicht, Eröffnung ohne Vernissage.

Gleich geblieben sind coronabedingt die Jurymitglieder, die sonst jedes Jahr neu gewählt werden. Dominic Hausmann, Katrin Meindl, Johann Plank, Walter Voss und Martin Weiand haben die Einreichungen von 182 Künstlern und Künstlerinnen bewertet. 137 Arbeiten aus den Bereichen Malerei, Zeichnung, Plastiken sowie Foto-, Video-, Objekt- und Installationskunst wurden ausgewählt.

Medea in
Gegenwart versetzt

Eva Lucie Triftshäuser überträgt in ihrem Diptychon „Medea“ die Rachegelüste einer zutiefst gekränkten Frau von der klassischen Antike in die Gegenwart. In der Argonautensage hatte die zauberkundige Königstochter Medea aus Liebe Jason zum goldenen Vlies verholfen. Allerdings musste sie dazu ihren Bruder töten. Als Jason Medea dann aber zurückweist, um die Tochter des Korinther Königs Kreon zu heiraten, mordet sie erneut. Medea bringt Kreon nebst Tochter und selbst die eigenen Söhne um. Statt mit einem vergifteten Kleid begeht die zeitgenössische Medea ihre Taten ganz banal mit einer Pistole.

An den amerikanischen Realismus erinnert „I have a Dream“, ein atmosphärisch dichtes Ölgemälde von Manuel Michaelis. Der Wasserburger Künstler zeigt eine tanzende Gruppe, die ein Gefühl von Heiterkeit und familiärer Nähe vermittelt. Menschen und Tiere aller Art wuseln im Wimmelbild- artigen Ölgemälde mit dem Titel „32 creatures“ von Lisa Endriß.

Insgesamt zehn Arbeiten in der Ausstellung sind der Fotokunst zuzuordnen, darunter der Fotoprint „Du musst zu wilden Orten gehen“ von Heidi Schmidinger. Ihr Bild zeigt einen Wurzelstock auf La Palma. Die Fotokünstlerin dokumentiert seit Jahren dessen naturbedingte Veränderungsprozesse. Gegenwärtig gleicht das natürliche Objekt einem kosmischen Sternennebel mit archaisch anmutenden Fabelwesen.

Oft sind es ganze Geschichten, die einzelne Motive dem aufmerksamen Betrachter erzählen. Aufmerksamkeit hat auch die ausgewählte Installations- und Objektkunst verdient. Von einem der Leuchter im Rathaussaal wallt in kristallin erstarrten Stoffbahnen die Installation „einsam dunkle Fluren“ von Silvia Hatzl herab. Vor dem Hintergrund der Historienmalerei von Maximilian Ritter von Mann erscheint die Arbeit geisterhaft wie aus einer Zwischenwelt.

Insgesamt ist das kreative Potenzial der mehrdimensionalen Arbeiten beachtlich. Die kinetischen Skulpturen von Stefan Stock wirken wie Requisiten aus einem Science-Fiction-Film der 1970er-Jahre. Gabriele Granzer-Grafs Environment „warte hier…“ führt den Betrachter wieder in die Realität zurück. Die Wasserburger Künstlerin thematisiert darin Altersrisiken wie Demenz und Pflegebedürftigkeit. Ganz klassisch und filigran in weißem Marmor wiederum präsentiert sich die Skulptur „Entfaltung“ von Tanja Stögermair.

Gestrickte Karotte für
den Mümmelmann

Zwischenzeitlich wurde dem verschlafen dreinblickenden Mümmelmann der Malchinger Künstlerin Susanne Beurer von unbekannter Seite eine selbst gestrickte Karotte spendiert. Der Hase vor dem Rathaus und die vielen Arbeiten in der Ausstellung sind es wert, auch in Corona-Zeiten besucht zu werden.

Bis 23. August

Zu sehen sind die Werke noch bis 23. August, täglich von 10 bis 18 Uhr im Rathaus und in der Galerie im Ganserhaus in Wasserburg. Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

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