Sie war eine holländische Nationalsozialistin und eng befreundet mit dem Reichsführer SS Heinrich Himmler, der möglicherweise auch der Vater ihres Sohnes Heinrich gewesen ist: Julia Op ten Noort. In Holland als Kollaborateurin unerwünscht, lebte sie nach dem Krieg auf einem Hof in der Nähe von Miesbach und am Chiemsee. Mit „Himmlers holländische Muse“ hat Roel van Duijn ein spannend zu lesendes Buch vorgelegt, das die Wandlung einer christlich geprägten Frau zur überzeugten Nationalsozialistin nachzeichnet.
Roel van Duijn, ein niederländischer ehemaliger Politiker und Aktivist links-alternativer Parteien, hat in einer umfangreichen Recherchearbeit das Leben der Baroness Julia Op ten Noort beschrieben. Der Autor versucht in seinem Buch die Frage zu beantworten, warum eine gebildete, aus wohlhabendem Elternhaus stammende Adlige bis zu ihrem Tod der Nazi-Ideologie anhing.
Julia Op ten Noort war eine ehrgeizige Idealistin, die sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen wollte. Beeinflusst wurde sie zunächst von einer christlichen Organisation, der sogenannten Oxford-Gruppe des amerikanischen Predigers Frank Buchman, die das Ziel hatte, Menschen persönlich in Verbindung mit Gott zu bringen. Dabei kam sie auch nach Deutschland und lernte leitende SS-Männer kennen, darunter bereits 1934 Heinrich Himmler.
Buchman gelang es jedoch nicht, die Nazis zum Christentum zu bekehren, vielmehr wurde Julia Op ten Noort zu einer fanatischen Antisemitin. Neue Vorbilder waren nun neben Heinrich Himmler auch Rost van Tonningen, ein holländischer Nazi-Führer. Die Nazi-Ideologie vermittelte Julia als Leiterin einer Reichsschule für Mädchen.
1944 kommt Julias Sohn Heinrich im Lebensbornheim in Steinhöring zur Welt. Der Autor nennt als mögliche Väter einen verheirateten Berliner Arzt, den die junge Mutter erwähnt, Heinrich Himmler und einen SS-Mann aus Den Haag.
Nach dem Krieg zog Julia mit ihrem Sohn nach Miesbach und lebte später auf dem Kothof in der Nähe von Gmund. Nach einer kurzen Gefängnisstrafe, die sie in den Niederlanden verbüßte, kehrte sie zurück nach Bayern. Ihr Sohn Heinrich besuchte ab 1950 die Volksschule in Gmund. Viele Leute in der Nachbarschaft glaubten damals, Heinrich sei Himmlers Sohn.
In ihrem zweiten Leben eröffnete Julia Op ten Noort schließlich am Chiemsee einen Laden für Volkskunst und beschäftigte sich mit östlichen Weisheitslehren, wurde später sogar selbst eine spirituelle Lehrerin. Zu ihrem Sohn hatte sie jedoch kaum Kontakt. Heinrich starb 1989 vereinsamt in Frankfurt am Main, seine Mutter überlebte ihn um fünf Jahre und starb 1994 in einem Seniorenpflegeheim in Fulda.
Roel van Duijn sieht sein Buch als politische Warnung. Auch heute würden die Menschen von autoritären Machthabern, von Verschwörungstheorien und Antisemitismus bedroht. Zudem sei es wichtig, die Ähnlichkeiten zwischen Julia und uns heutigen Menschen herauszuarbeiten. Sein Buch diene, so der Autor, auch als Beitrag zur Auslotung unseres eigenen Daseins. Georg Füchtner