Rosenheim/Erding – Im Schneegestöber stehen Thomas Jonas und seine Mitstreiter mit Masken vom Rosenheimer Jazzlokal „Le Pirate“ vor ihrem Lokal, dessen Schriftzug im Schwarzweiß des Fotos orange aufleuchtet, und halten ein Schild vor sich, auf dem steht: „80 ausgefallene Konzerte“. Genauso stehen Georgia und Erik Brodka samt zwei Angestellten maskiert vor ihrem Wirtshaus „Zum Augustiner“ in Rosenheim, auf ihrem Schild steht: „22 Mitarbeiter“.
„Menschenbild –
sichtbar im Jetzt“
Die Fotos stammen von Esther Bauer aus Erding. Sie hat ein Projekt gestartet. Sie fotografiert in strengem Schwarzweiß die Menschen der Betriebe, die von der Schließung betroffen sind, vor ihren Läden oder Betriebsgebäuden mit einem Whiteboard, auf das prägnante Zahlen geschrieben sind. Fotografiert hat sie unter anderem eine Reitschule in Parsdorf, die den Kindern, obwohl nur im Freien unterrichtet wird, keine Reitstunden mehr geben darf, ein Busunternehmen in Erding, das alle seine Buse abgemeldet hat, ein Fitnessstudio in Moosinning, das Einzelbetreuung und Training draußen anbietet, ein Schmuckgeschäft, das schon seit 30 Jahren besteht und alle sieben Mitarbeiterinnen vor dem Geschäft für das Foto aufreiht, einen Buchladen in Erding, ein Friseurgeschäft mit 15 Mitarbeiterinnen sowie einen Näh- und Bügelservice in Taufkirchen an der Vils, der von zwei jungen Frauen betrieben wird: Sie hatten ihr Geschäft am 1. März 2020 eröffnet und mussten zwei Wochen später schon wieder zusperren.
Auch eine Kleiderkette ist dabei, die ihre Kleider nicht online anbieten darf, da sie „nur“ ein Franchise-Unternehmen betreibt und deswegen nicht online verkaufen darf. Auch einen Theaterverlag hat sie besucht und fotografiert, den Wilhelm-Köhler-Verlag, der seit Monaten schon keine Theaterhefte verschicken kann, weil nichts gespielt wird.
Die Bilder sind auf ihrer Facebookseite „Esther Bauer Weibsbilder“ zu sehen, wo sie auch mit den Betriebsbesitzern spricht und sich die Auswirkungen der angeordneten Schließung erzählen lässt. „Angefangen hatte ich mit der Idee, wirklich nur zu demonstrieren, wie viele Mitarbeiter ein Einzelhändler hat, die er immer noch bezahlen und für die er immer noch Sozialabgaben leisten muss“, erzählt Esther Bauer. „Dann hab‘ ich aber immer mehr hinter die Kulissen geschaut. Da sind Sachen dabei bei dem, was ich mitkriege, da haut’s Dir den Schalter raus!“, sagt Esther Bauer hochengagiert. Viele Einzelunternehmen hätten keine staatliche Unterstützung in Anspruch genommen aus Angst, alles später zurückzahlen zu müssen.
Was möchte die Fotografin mit ihrer Aktion bewirken? „Es geht mir um die Sichtbarkeit sowohl von mir als auch von den Menschen, die durch den Lockdown betroffen sind. Denn es kommt ja keiner richtig zu Wort“, antwortet Frau Bauer. Die Fernsehsender würden ja meist nur Passanten oder die großen Firmen befragen. „Wir Kleinen kommen nicht zu Wort“, klagt Esther Bauer – die jüngst auch einen Antrag auf Hartz IV gestellt hat, denn auch ihr Gewerbe als Fotografin steht still. „Wir können uns zeigen!“, ruft sie emphatisch aus. „Ich hab‘ mir gedacht: Lass Bilder sprechen!“ Bei aller merkbaren Betroffenheit wirkt Esther Bauer doch fröhlich-optimistisch.
„Durch die
Scheibe gesehen“
Ein weiteres Fotoprojekt heißt „Erding durch die Scheibe“: Dabei fotografiert Esther Bauer die Schaufenster der geschlossenen Geschäfte und auch die Spiegelungen, die sich ergeben. In Rosenheim zum Beispiel sitzt im Fenster des geschlossenen „Augustiner“ eine Puppe mit bunten Haaren, in der Spiegelung sieht man den menschenleeren Max-Josefs-Platz. Nur zu gerne würden die Wirtsleute und Geschäftsinhaber wieder echte Menschen bedienen und nicht nur „Menschenbilder“ sehen.