Großrain oder Goßrain: Ein Fall von unrichtiger Eindeutung?

von Redaktion

Die Einöde Großrain, die nördlich von Unterrain, Seisrain und Oberrain in der Gemeinde Tuntenhausen in Richtung Lampferding liegt, gehört wie die anderen Rain-Orte in ihrer Umgebung zu denjenigen Orten, die nach einer gewissen geografischen und geologischen Bedingung der jeweiligen Region benannt sind: Hier nach dem „Rain“, alt- und mittelhochdeutsch „rein“, mit der Bedeutung „Ackergrenze, begrenzende Bodenerhebung“.

Im Bairischen wird „Rain“ schon seit ein paar Jahrhunderten als „Roa“ ausgesprochen, so wie der „Stein“ als „Schdoa“.

Man vergleiche hierzu diese ei-Aussprachen: Deutsch: eins-zwei-drei, bairisch: oans-zwoa-drei. Drei war früher nicht „drei“ oder „drai“, sondern „drî“ – daher bairisch „drei“ und nicht „droa“!

Heißt Großrain somit „Groußroa“? So hoaßt’s zumindest bei -„roa“. Auch die Lage an einer begrenzenden Bodenerhebung stimmt. Vorne im Namen aber heißt es nicht „grouß“, sondern, wie OVB-Autor Thomas Stelzer erklärt, „Gaos“ oder „Gous“. Unser Gewährsmann verweist hier einerseits auf die lokal-dialektale Aussprache des Ortsnamens und liefert andererseits anhand von Einträgen in Flurkarten aus dem 19. Jahrhundert zugleich Beweise für ältere Schreibungen des Namens: Goßrain, mit Rotstift (eines Lehrers?) korrigiert zu Großrain, zuvor auch: Gastraihn.

Intensive Recherchen und zahlreiche Hinweise von lokalhistorisch versierten Persönlichkeiten, etwa von Karoline Peidli und Ilse Aigner aus Feldkirchen-Westerham sowie von Manfred Schaulies, dem ehrenamtlichen Archivar des Historischen Vereins Bad Aibling, haben eindeutig ergeben, dass nicht „Großrain“ der ursprüngliche Name der heute so bezeichneten Einöde ist, sondern „Goßrain“.

Als Erstbeleg haben wir im Tegernseer Urbar für das Jahr 1289 den Eintrag „Goesrain hub“ (Nummer 747) gefunden: die Hube (= ½ Maierhof) Goesrain. Keine Spur von „Groß“rain also.

Was ist hier passiert? Allem Anschein nach liegt wohl keine bloße Verschreibung vor, sondern eine Art von Eindeutung: „Goß“ und „Goes“ wurden nicht mehr verstanden und deswegen in der Schreibung zu „Gast“ und zuletzt „Groß“ verändert, ohne auf die lokale Aussprache Rücksicht zu nehmen.

Sicherlich war es im 19. Jahrhundert keine leichte Aufgabe für oftmals zugereiste und ortsfremde Personen, die richtigen Einträge in den Katasterkarten zu tätigen. Unrichtige Angaben wie „Brennrain“ – statt richtig „Premrain“ (bei Au bei Bad Aibling) – wurden mittlerweile richtiggestellt. Somit appellieren wir an die Gemeinde Tuntenhausen, das alte „Goßrain“ wieder aufleben zu lassen! Wissenschaftliche Details hierzu in: „Blätter für oberdeutsche Namenforschung (BONF)“, 57. Jahrgang, 2020, S. 185-202.

Übrigens: Es gibt mindestens noch ein weiteres Goßrain in Deutschland: Flurname „Am Goßrain“ in der Gemarkung von Rothenkirchen, Marktgemeinde Burghaun, Landkreis Fulda in Hessen. Dort befinden sich, wie bei unserem Gebiet, ebenfalls ein „Oberrein“ und „Unterrein“! Mit Dank an Verena Klüber von der Gemeinde Burghaun!

„Goß“ deuten wir als hochdeutsche Form eines germanischen „guta“ im Sinne von „Abflussrinne, Tränkrinne“. Es besteht ein sprachlicher Zusammenhang mit „gießen“. Goßrain: „Bodenerhebung mit Abfluss-/Tränkrinne“. Armin Höfer

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