Wie wird aus einem hoch dekorierten Jagdflieger der Wehrmacht ein überzeugter Nazi-Gegner und weltoffener Pazifist? Diese scheinbar paradoxe Frage beantwortet die bekannte Journalistin Jenny Schuckardt mit ihrem biografischen Tatsachenroman „Einsatz über den Wolken“.
Auf der Grundlage umfangreicher Recherchen und intensiver Gespräche mit Zeitzeugen und Historikern erzählt die Autorin vom abenteuerlichen Leben Gerhard Thybens (1922 bis 2006) aus dessen Perspektive.
Schuckardt schildert, wie der aus Kiel stammende spätere Pilot als begeisterter Bastler von Modellflugzeugen schon früh seine Leidenschaft für die Fliegerei entdeckt und 1942 nach dem Notabitur über einen Zwischenaufenthalt in Krakau zum Kampfeinsatz zuerst in die Ukraine und dann nach Russland kommt, wo er 1943 nach ersten Luftsiegen eine Niederlage der Wehrmacht im Kursker Bogen miterlebt. Auch quält ihn schon früh die Tatsache, dass er bei seinen Einsätzen auf Menschen schießen muss. Dieser Gedanke verursacht in ihm „Grauen und Übelkeit“.
Bei seinem Verteidigungseinsatz in Holland im selben Jahr kommt Thyben zu der Einsicht, „dass wir die Luftherrschaft schon verloren hatten, obwohl unsere Führung das nicht zugeben wollte“.
Trotz vieler Luftsiege und massiver Propaganda des NS-Regimes erfährt der auch mit dem Ritterkreuz ausgezeichnete Jagdflieger von der „Brutalität, mit der an der Ostfront Krieg geführt wurde“, als er fast bis zum Ende des Krieges in Kurland und an der finnischen Grenze im Einsatz ist. „Einmal mehr verfluchte ich diesen Krieg, der so viel Schmerz und Trauer über die Menschen gebracht hatte „, stellt er resümierend fest.
Nach seiner Entlassung aus britischer Kriegsgefangenschaft im Juli 1945 will der leidenschaftliche Pilot Thyben wieder fliegen, was ihm aber als Deutscher verboten ist, sodass er nach einem abenteuerlichen illegalen Fußmarsch über die Pyrenäen zunächst in Spanien vergeblich sein Glück versucht, bis er schließlich im Februar 1949 per Schiff nach Buenos Aires verfrachtet wird.
Dort heiratet er eine deutsche Auswanderin, deren erster Mann im Krieg gefallen ist und deren jüdische Freunde von den Nazis ermordet worden sind.
Im letzten Drittel ihres Buchs gestaltet Jenny Schuckardt Thybens ereignisreichen Lebensabschnitt in Südamerika. Nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Argentinien gelingt es Thyben schließlich in Kolumbien verschiedene Verträge als Agrarflieger zu ergattern. Gut bezahlte Kampfeinsätze der kolumbianischen Luftwaffe gegen die kommunistische Guerilla lehnt Thyben, der inzwischen mit Militär nichts mehr zu tun haben möchte, kategorisch ab.
Neben den wesentlichen Lebensstationen Thybens und zeitgeschichtlichen Verknüpfungen erfährt der Leser auch manch skurrile Anekdote.
So wird Thyben einmal nach einem Unfall in Ermangelung eines Krankenwagens mit einem Leichenwagen ins Krankenhaus von Cali transportiert und erschreckt eine neugierige alte Frau unbeabsichtigt fast zu Tode. Dazwischen finden sich immer wieder genaue Beschreibungen der einzelnen Flugzeugtypen und anderer Begriffe, die mit der Fliegerei in Verbindung stehen.
Beispielsweise erfährt man, dass Thyben anfangs unter anderem mit einer Me 109 geflogen ist, die eine Höchstgeschwindigkeit von 630 km/h erreicht, was eine Thunderbolt ist oder dass man unter einem „Katschmarek“ einen Rottenflieger versteht.
Am wichtigsten aber ist wohl die Darstellung von Thybens Antikriegshaltung, die trotz seiner militärischen Verdienste die Oberhand gewinnt.
So ist Jenny Schuckardt mit diesem Buch nicht nur eine spannende Lebensgeschichte gelungen, sondern auch eine in vielerlei Hinsicht informative und ethisch mitreißende Darstellung. Richard Prechtl