Die Vernashornung der Gesellschaft

von Redaktion

Theater Wasserburg liest per Zoom-Konferenz Erzählung von Eugène Ionescu

Wasserburg – Der Schauspieler Nik Mayr plaudert noch ein bisschen, stellt die anderen Schauspieler vor, die noch auf den Couchen sitzen, berichtet, dass jetzt gleich mittels dreier Kameras die Erzählung „Die Nashörner“ von Eugène Ionescu gelesen wird, „als kleiner Teaser“ für das richtige Theater in einem richtigen Zirkuszelt mit dem richtigen gleichnamigen Theaterstück: Er will Live-Gefühl vermitteln. Man sieht bei der Zoom-Konferenz des Theater Wasserburg, wie sich immer mehr zuschalten, am Ende werden es 52 sein, die es sich allein am Schreibtisch, zu zweit mit Rotwein am Sofa und sogar als Familie mit zwei Kindern und Hund gemütlich machen. Theaterchef Uwe Bertram zeigte sich ganz gerührt über diese Vielzahl.

Rhinozerosse
auf dem Marsch

Zuerst trampelt ein Nashorn vorbei, dann werden es viele, plötzlich wird es schick, sich in ein Nashorn, in eine böse, alles zertrampelnde Bestie zu verwandeln – irgendwie gewöhnen sich alle dran und reihen sich ein in den Marsch der Rhinozerosse, teils instinktiv, teils mit den bekannten Argumenten des Mit-der-Zeit-gehens und des Sich-Angleichens. Alle, ob Hans (Carsten Klemm), ob der Logiker (Nik Mayr), die Chefin (Susan Hecker), Frau Ochs (Annett Segerer), die auf ihrem zum Nashorn gewordenen Gatten nach Hause reitet, und sogar die begehrenswerte Tippse Daisy (Regina Alma Semmler) vernashornen sich – nur der intellektuelle Behringer (Hilmar Henjes) widersteht. Wie lange noch? „Die Nashörner“, das erfolgreichste absurde Bühnenstück des französisch-rumänischen Autors, ist eine Parabel für Massenpsychose, Opportunismus und die Anziehungskraft des Bösen.

Sprachlich bestens ausgeformt, mit großer rhetorischer Verve und genügend sich Zeit nehmend lesen die Schauspieler und lassen damit Bilder im Kopf entstehen – oh wie schön wär’s doch, „wirkliche“ Bilder auf der Theaterbühne zu erleben! Allerdings hätte Uwe Bertram, der als Regisseur fungiert, das Schnauben, Brüllen und Trampeln der Nashörner einspielen lassen können, um den theatralischen Effekt zu verstärken. So ist die theatralische Dramatik nur an der Mimik und der Sprachgestaltung abzusehen und -zuhören.

Der bestechend logisch, letztlich aber absurd argumentierende Logiker (Nik Mayr) ist von unten gefilmt, sodass seine Nasenlöcher und sein weißgezahnter Mund übergroß erscheinen. Hans (Carsten Klemm) würgt, wenn er zum Nashorn mutiert, seine Worte aus dem Körper und presst sich aus seinem Schal heraus: beeindruckend. Der intellektuelle Individualist (Hilmar Henjes: langhaarig und mit schmaler Brille) entdeckt doch gewisse Reize am Nashornigen und sehnt sich fragend nach der verhärteten Haut des Nashorns.

Danach diskutieren die Zuschauer

Nach dem Ende der Lesung schalten die Zuhörer ihre Kameras und Mikrofone an und diskutieren: Sie erklären die Parabel als eine NS-Mitläufer-Geschichte, als eine psychologische Aufforderung, seine mögliche innere Nashornigkeit zu betrachten („Wer kein Nashorn ist, werfe den ersten Stein!“), erkennen das Problem der gewünschten Individualität und des gleichzeitigen Wunsches nach Dazugehören, ziehen Parallelen zur Corona-Zeit und reden über die erkennbare Kommunikationslosigkeit.

Ein Running Gag in der Erzählung ist die Frage, ob die afrikanischen oder asiatischen Nashörner ein- oder zweihörnig sind: Ein zuhörender Bub hat’s gegoogelt: Die asiatischen Nashörner haben ein, die afrikanischen zwei Hörner. Doch trotz des zoologischen Wissens – die Welt bleibt absurd.

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