Das Ende der Unschuldsvermutung

von Redaktion

WTH Regensburgers „Museum der vergessenen Wahrheiten“ in Traunstein

Traunstein – Es ist wohl eine der explosivsten und zugleich vielschichtigsten Ausstellungen, die bisher in der Städtischen Galerie Traunstein zu sehen waren: Das „Museum der vergessenen Wahrheiten“ von Willee WTH Regensburger. Es ist noch bis 30. Mai aufgebaut. Sowohl von den Themen, den Objekten und der Inszenierung her entfaltet die Werkschau eine Sprengkraft, die keinen kaltlässt. Wie ein Leitmotiv nimmt dies ganz handgreiflich ein Paket mit stilisiertem Sprengstoff vorweg. Es steht unter drei bildkräftigen Werken mit Bezug zu Terroranschlägen in Bologna, Paris und Jerusalem.

Falsche
Gewissheiten

Nicht nur in dieser Installation geht es um die Erschütterung von falschen Gewissheiten, historischen Wahrheiten und der Frage: Wer oder was definiert unseren Begriff von Wirklichkeit? Regensburger lädt den Besucher ein zu einem lehrreichen Rundgang durch ein Museum ganz neuer Prägung. In ihm ist nicht mehr das wissenschaftlich Objektivierbare Grundlage der Präsentation, sondern höchst subjektive, biografische Bezüge zu jedem einzelnen der echten oder manipulierten Ausstellungsstücke. Und die haben es fürwahr in sich.

Der Künstler aus Grabenstätt zeigt unter anderem eine antike Garuda-Skulptur aus Bali in einem aufgerissenen historischen Versandkarton, den „echten“ Schädel Mozarts, Beethovens Gehörknöchelchen, Ritualmasken und Fetische aus Mexiko und Afrika, eine maurische „Marienstatue“ oder einen Schildkrötenpanzer mit Papyruspflastern. Dieses angeblich 170 Jahre alte Exponat soll aus dem heiligen Bezirk der äthiopisch-christlichen Kirche der „Heiligen Frau von Zion“ stammen, in der die Bundeslade aufbewahrt wird.

Exotisch mutet auch das „Original“-Gebiss des in den 1970er-Jahren international gefragten Illusionisten Ralf Bialla aus Traunstein an, der als lebende Zielscheibe mit den Zähnen ein auf ihn abgefeuertes Projektil fing.

Wer jetzt etwas verwirrt ist, reagiert richtig. Allein die Aufzählung macht deutlich, dass der Rundgang durch diese Sammlung von plakativen Raritäten, historischen Fundstücken, Fotografien, Gemälden und „Dokumenten“ einem Aufenthalt im Spiegelkabinett gleicht. Es ist voller thematischer und inhaltlicher Untiefen, Irrwege, Falltüren und Ungewissheiten. Um jedes der Exponate spinnt Regensburger eine aus tatsächlichen biografischen Details und historischen Fakten sowie erdichteten Wahrheiten komponierte Legende. Die Herkunftsgeschichte der Exponate wird damit eng mit seiner persönlichen Familiengeschichte verknüpft.

Zerpflückte
Konventionen

Mit enzyklopädischem Bildungshunger zergliedert der Künstler festgefügte Gewissheiten und gesellschaftliche Konventionen. Er greift Deutungshoheiten zu heißen Eisen aus den Bereichen Nationalsozialismus, Kolonialgeschichte, Medizin und populären Legenden rund um Literatur-, Musik-, Religions- und Kunstgeschichte an. Jeder ist angesprochen, dazu Stellung zu beziehen. Besonders krass wird diese Konfrontation, wenn hinter der perfekten Inszenierung eines kakaoverschmierten siebenteiligen Kaffeeservices der Selbstmord der Goebbels-Familie mit ihren Kindern im Berliner Führerbunker aufscheint. Oder wenn mit der Präsentation heute noch erhältlicher, feinster Schokoladenhäppchen in Handform – inmitten afrikanischer Kultgegenstände und unter dem Porträts König Leopolds II. – an die belgischen Gräueltaten im Kongo zur Kolonialzeit erinnert wird.

Regensburger erweist sich mit seinem „Museum der vergessenen Wahrheiten“ nicht nur als Meister gewitzter Inszenierungen und vielseitig gebildeter, weitgereister Künstler, der alle Darstellungsformen beherrscht. Auf einer Metaebene stellt er auch die Funktion der Institution Museum. Ebenso geht es um die Rolle der Wissenschaft und die Frage, inwieweit die von ihr vermittelten Fakten objektiv sein können. Aktuell zeigt sich dies etwa an der in vielen Völkerkundemuseen heiß-diskutierten Frage über die Rückgabe kolonialer „Raubkunst“.

Nicht zuletzt hat Regensburger die derzeitige Verfassung der Gesellschaft im Blick, ihre Traumata und Verdrängungsmechanismen.

„Es geht auch um das Ende der Unschuldsvermutung, mit dem wir unbequeme oder vergessene Wahrheiten von uns weisen“, sagt er.

Bis 20. Juni

Die Städtische Galerie Traunstein hat wieder geöffnet. Die Ausstellung „Museum der vergessenen Wahrheiten“ wird bis Sonntag, 20. Juni, verlängert. Voraussetzung für einen Ausstellungsbesuch ist das Tragen einer FFP2-Maske und eine vorherige Anmeldung, bei der die Kontaktdaten erhoben werden. In der Ausstellung können sich maximal zehn Besucher gleichzeitig aufhalten. Geöffnet ist Mittwoch bis Freitag von 11 bis 17 Uhr, Samstag und Sonntag von 13 bis 18 Uhr.

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