Erl – Die Reden beim Eröffnungskonzert der Tiroler Festspiele Erl waren diesmal sehr emotional. Wie der Chor am Schluss der 1. Symphonie von Alexander Skrjabin den „Ozean der Gefühle“ besingt, den die Kunst schafft, so schwammen auch der Festspielpräsident Hans Peter Haselsteiner und der Tiroler Landeshauptmann Günther Platter im Ozean der Gefühle.
„Das Land Tirol
lebt wieder“
Platter jubelte: „Das Land Tirol lebt wieder!“, versprach, die Tiroler hätten aus der Corona-Pandemie gelernt und forderte: „Nie wieder Grenzschließungen!“ Haselsteiner beschwor Europa als Hort gegen Nationalismen, diskutierte kurz Tirols „Schuld“ an der Ausbreitung des Corona-Virus und rief dann optimistisch zur Geselligkeit mit Frohsinn und Zuversicht auf.
Zuvor hatte er noch die nachfolgende Tragische Ouvertüre von Johannes Brahms den Opfern der Pandemie gewidmet. Das düster-ernste d-Moll dieser Ouvertüre empfand man nach dieser Widmung deutlich tragischer und würdevoller. Erik Nielsen leitete die dunklen Klangströme mit kapellmeisterlich klarer Gestik.
In Brahms‘ Doppelkonzert für Violine und Cello straffte er die Dramatik, vor allem im überlangen ersten Satz, im Finale sorgte er für aufstampfend-tänzerischen Gestus. Tobias Feldmann auf der Geige und Istvan Vardai am Cello wollten sich schier gegenseitig übertrumpfen an heftig-leidenschaftlichem Nachdruck, der bald an Überdruck grenzte und auch beim Cello-Pizzicato nicht nachließ. So schufen sie in überströmender Emphase den Klang einer „Riesengeige“, von der Brahms selber sprach, und holten sich Zwischenapplaus schon nach dem Kopfsatz.
Die programmatische Überraschung war die schon erwähnte und selten zu hörende 1. Symphonie von Alexander Skrjabin, ein echtes Werk der Jahrhundertwende um 1900. Gleich sechs Sätze hat sie, wobei im letzten Satz ein Chor mit zwei Solisten einen Hymnus auf die Erleuchtungs- und Einigungskräfte der Kunst anstimmt. Hier konnte sich die Leuchtkraft und Farbenkraft des Festspiel-Orchesters aufs glänzendste entfalten, die Bläser, und da allen voran die Klarinette, begeisterten mit Klangwärme, Sinnlichkeit und elegischer Melodik.
Symphonische
Wellenbewegungen
Schon im ersten Satz sang die Klarinette ihr Nachtigallenlied, das von den Geigen schwelgerisch weitergeführt wurde, zart schimmerte der dritte Satz, verspielt zirpten Glockenspiel und Piccoloflöte im vierten Satz, dazwischen dröhnte tragisch das Blech im Tschaikowsky-Tonfall, badete das Orchester sich in Tristan-Harmonien und bewegte sich überhaupt wühlend und gründelnd im Ozean der symphonischen Gefühle, dessen Wellenbewegungen Erik Nielsen geschickt und souverän organisierte.
Brian Michael Moore (Tenor) und Zanda Švede (Mezzosopran) hymnisierten mit großer Stimmkraft, bis der machtvolle Festspiel-Chor mit einer schulmäßigen Chor-Fuge das Werk beschloss. Großer Jubel herrschte im – maskenlosen – Publikum nach diesem Ozean der Gefühle: Das Land Tirol lebt wieder.