Hafendorf –„Ich freue mich sehr, dass das Rettende wächst“, erklärte Pianist Amadeus Wiesensee in Anlehnung an ein Zitat von Hölderlin zur Begrüßung im Atelier von Antje-Tesche Mentzen in Hafendorf. Obgleich das Publikum der Klaviermatinee nur mit Maske lauschen durfte, fand nach langer coronabedingter Pause im Rahmen der Festspiele Immling endlich wieder ein Atelierkonzert statt.
Humorvoll und einfühlsam bereitete Wiesensee die Hörer auf die beiden Klavierwerke vor. Sowohl die C-Dur Fantasie op. 17 von Robert Schumann als auch Maurice Ravels „Gaspard de la nuit“ seien durch Literatur inspiriert, besäßen aber auch Trennendes. Die Fantasie von Schumann, ein Denkmal für die Liebe zu Clara Wieck, sei ein spätes Echo auf den 250. Geburtstag von Beethoven. Im ersten Satz zitiere der Komponist Beethovens Liederzyklus „An die ferne Geliebte“.
Wiesensee begann den ersten Satz mit fesselnder Wucht und Leidenschaft, spielte die Akkorde hart und scharf akzentuiert, während er die zarten Passagen mit traumwandlerischer Sicherheit und großer Sensibilität zu Gehör brachte. Bewegend war das lyrische Seitenthema, das der Pianist mit sinnendem Ausdruck vortrug. Der Kontrast zwischen heftigen klanglichen Eruptionen und sanft verschwebenden Tönen bannte die Hörer.
Die markanten Marschrhythmen im zweiten Satz interpretierte Wiesensee energisch und mitreißend. Brillant meisterte er die schwierige Sprungtechnik in der Stretta. Der Pianist ist kein Tastentiger, sondern spielte auch die hochgespannten Teile philosophisch abgeklärt ohne Effekthascherei. Im impressionistisch anmutenden langsamen dritten Satz ergriffen murmelnde Tonfolgen des Klaviers und subtil gesetzte Verzögerungen. Wiesensee schuf ein berückendes harmonisches Traumgebilde, für das er viel Beifall erhielt.
Angeregt zu einer Beschäftigung mit Ravel wurde Wiesensee bei einem Beethoven-Meisterkonzert in Positano. Aus Ravels „Gaspard de la nuit“, das der Pianist als das wahrscheinlich größte Klavierwerk des Komponisten und als Musik aus dem Ewigkeitsraum bezeichnete, spreche die Essenz des modernen Menschen. Das Wasser, der Tod, ein verzerrter Walzer und farbig schillernde Flamenco-Einschübe schaffen laut Wiesensee ein Klanggemälde zwischen subjektiven menschlichen Stimmen und einer unmenschlichen natürlichen Kraft.
Der trillerreiche , zart dahingetupfte erste Satz „Ondine“, in dem eine Wassernymphe versucht, einen Matrosen zu verführen, bildete einen scharfen Kontrast zu „Le Gibet“, einem „Gesang im Vakuum“, dessen düster-hypnotische Monotonie der Pianist eindringlich gestaltete. Von aufwühlender Zerrissenheit war schließlich „Scarbo“, der dritte Satz, in dem ein dämonischer Zwerg sein Unwesen treibt.
Nach dem begeisterten Beifall beglückte der Pianist das Publikum noch mit einem kurzen, unruhig flirrenden Stück von György Ligeti. Georg Füchtner