Im Sog der Sprachbilder von Kleists

von Redaktion

Martin Pfisterer bei Goethe-Gesellschaft

Rosenheim – Mit großer Eindringlichkeit und rhetorischer Brillanz trug Sprechtrainer und Rezitator Martin Pfisterer auf Einladung der Goethe-Gesellschaft Rosenheim im Künstlerhof Auszüge aus Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“ sowie zwei Briefe des Dichters vor.

Die Novelle „Das Erdbeben in Chili“ thematisiert das Schicksal eines von der Gesellschaft wegen eines als lasterhaft geltenden Verhältnisses ausgestoßenen Liebespaares, dem der Tod bevorsteht. Eine Katastrophe, das Tausende Opfer fordert, rettet das Paar zunächst. Kurze Zeit später aber müssen beide durch die Gewalt ihrer Mitmenschen sterben, weil man ihnen die Schuld an dem Erdbeben gibt.

Pfisterer sprach die komplex strukturierten Sätze der Novelle präzise und konzentriert. Eine beklemmende Wirkung entfalteten nicht nur die Gewalt der Bilder, die Maßlosigkeit der Gefühlsausbrüche der Protagonisten und die Krassheit der geschilderten Situationen. Noch mehr bannte die Hörer die Kraft und Dynamik der Sprache Kleists mit ihren dramatischen Spannungsbögen und ihrer poetischen Schönheit. Pfisterer schuf einen Sog, dessen Unerbittlichkeit sich niemand entziehen konnte.

Zu Beginn las Pfisterer noch zwei Briefe Kleists. Im ersten Brief an Staatskanzler Carl August Freiherr von Hardenberg, einem Gesuch um einen Posten als Redakteur, frappierten Kleists Untertanengeist und seine geschraubten Formulierungen.

Der Brief an seine Geliebte Wilhelmine von Zenge zeigte dagegen Kleists zerrissenes Wesen. Kleist fordert darin die Geliebte auf, sein Leiden mitzuempfinden und schreibt: „Denn nichts als Schmerzen gewährt mir dieses ewig bewegte Herz, das wie ein Planet unaufhörlich in seiner Bahn zur Rechten und zur Linken wankt, und von ganzer Seele sehne ich mich nach Ruhe!“

Für seine gut einstündige, fesselnde Lesung erhielt Pfisterer vom Publikum lang anhaltenden Applaus.

Georg Füchtner

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