Seelenschifferl und Schaufensterpuppen

von Redaktion

Tage des offenen Ateliers im Landkreis Rosenheim – Entdeckungstour in der Region

Rosenheim – Der Einladung zu den Tagen des offenen Ateliers im Landkreis Rosenheim folgten viele Kunstinteressierte aus der Region und darüber hinaus. „Die Resonanz hat mich überwältigt“, gesteht Siglinde Berndt aus Neubeuern. Einen abgetrennten Raum einer Schreinerei nutzt sie als Atelier. Dort entstehen mithilfe von Packpapier und Schellack filigrane dreidimensionale Papierobjekte wie Wolkenmobile oder papierumhüllte Koffer.

Feine Umrisse
werden erkennbar

Auf den zweiten Blick erkennt man als feine Umrisse die Abbildungen von Menschen. Der Mensch stehe bei ihren Arbeiten im Vordergrund, sagt die freischaffende Künstlerin, die unter anderem auch ehrenamtliche Leiterin der „Galerie am Markt“ in Neubeuern ist. Auf einer Werkbank beeindrucken wie von Kinderhand gefaltete Schiffchen. Die „Seelenschifferl“, wie sie sie nennt, stehen für die Verletzlichkeit und Vergänglichkeit und sind jedem an Corona verstorbenen Menschen im Landkreis während der letzten Monate gewidmet (wir berichteten).

Weit über 550 Schiffchen habe sie mittlerweile gefaltet. Kulturschaffende aus dem ganzen Landkreis wirkten mit bei den Tagen des offenen Ateliers, die dieses Jahr zum 13. Mal stattfanden. Druckgrafiken, Fotografien, Objektkunst, Gemälde, Skulpturen oder Siebdrucke – hier eine Auswahl der zu besuchenden Ateliers in dem flächenmäßig großen Landkreis zu treffen, bedeutete die Qual der Wahl. Die ausrichtende Städtische Galerie Rosenheim hatte deshalb im Vorfeld Tourenvorschläge erstellt, die die Besucher in die verschiedensten Ecken des Landkreises führte.

Zwischen Rosenheim und Wasserburg, rund um den Simssee, im Inntal oder nur in Rosenheim – buchstäblich überall gab es Kunst zu entdecken. In einem Bauernhaus mitten in Antwort bei Bad Endorf hat sich das Künstlerpaar Mela Ilse und Martl Fritzsche niedergelassen. Vorne wird gewohnt, hinten entsteht Kunst.

Sie hat sich mit Keramiken einen Namen gemacht: Ihre Tassen, Teller und Schalen in zarten Pastellfarben sprechen gerade wegen ihrer Schlichtheit an, ihre Vasen hingegen faszinieren wegen ihres besonderen Aussehens. Der Kontrast von weich und hart sei faszinierend, sagt Mela Ilse, die Vasen mit gehäkelten Blumen sind da der beste Beweis. Derzeit arbeitet sie an untypisch geformten Vasen, die angesichts ihrer Bemalung mit Menschen antiken griechischen Vasen nicht unähnlich sind.

Er hingegen setzt auf Objektkunst. Das auseinandergeschnittene Dreirad mit einem Holzbrett als verlängerte Sitzfläche wird so zum Dreirad-Bus, der in einer Glasvitrine vergoldete Haufen heißt „Holy shit“. Rudl Endriß hingegen wohnt und arbeitet mitten im Gewerbegebiet von Söchtenau: Der Fachlehrer, Hochschullehrer, Maler, Schnitzer, Metall-Bearbeiter, Bildhauer, Kurator hat viel in seinem Leben gemacht, und genauso vielfältig ist auch seine Kunst.

Jedes Material gibt in seinen Augen „was her“. Er arbeitet mit Stein, Holz, Metall, Papier, Stoff, Wolle und Gips. Endriß, inzwischen 78-jährig, lässt den Besuchern Zeit, das große Atelier – Keller, Wohnhaus und zweigeschossiges Werkhaus – zu erkunden.

Hier Bilder aus Sperrholz und zerschnittenen Keilrahmen, dort gemalte Gesichter, hier Mooreichenstümpfe mit Gold verziert, dort Schaufensterpuppen mit weißen Gewändern als „schweigende Masse“.

Stefania Peter aus Ecking bei Riedering setzt ihr Fachwissen als Architektin in der Kunst um. Ihre neuesten Werke hat sie mit „Bau-Steine-Erden“ betitelt, ihre Tuschezeichnungen, Abbildungen von stillgelegten, verfallenen Baudenkmälern, entstehen mit feiner Röhrchenfeder in mehreren Schraffurschichten übereinander. Zement II hat sie dem Zementwerk Litzldorf bei Bad Feilnbach gewidmet, auf einer anderen Zeichnung hat sie eine alte Ziegelei im Bayerischen Wald verewigt.

Wie Schießscharten
zur Straßenseite

Schon allein Peters Atelier ist Objekt genug: Mit kleinen Fenstern wie Schießscharten zur Straßenseite hin öffnen sich im Atelier selbst bodentiefe Glasfenster und geben den Blick auf alte Bäume frei. Einen Blick hinter die Kulissen werfen, mit den Künstlern ins Gespräch kommen: Bei so viel unterschiedlicher Kreativität und gerade nach der langen Zeit der (kulturellen) Entbehrungen hätte man sich mehr Zeit für jede einzelne Künstlerin, jeden einzelnen Künstler und jedes einzelne Atelier gewünscht. Bitte bald wieder mehr davon.

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